Wenn die Gitarre leise weint

30. November 2001, 20:52
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Abschied von George Harrison, dem "stillen Beatle"

George Harrison, der "stille Beatle", ist am Donnerstag im Alter von 58 Jahren in Los Angeles seinem langjährigen Krebsleiden erlegen. Die Welt nimmt Abschied von einem der trotz aller Erfolge unterschätztesten Komponisten und Sänger der goldenen Zeit des Pop und Rock.

Christian Schachinger

Wien/Los Angeles - Sein schlichter, hoher und singender Gitarrenstil deutete darauf hin, dass es oft weniger auf den Musenkuss ankommt als darauf, sich künstlerische Grundlagen hart zu erarbeiten. Allerdings muss die Behauptung, dass es hier beim Spiel von George Harrison immer auf jeden einzelnen Ton angekommen wäre, als zynisch gewertet werden.

Schließlich schulte sich der schon mit 15, Ende der 50er-Jahre zu Paul McCartney und John Lennon gestoßene Pimpf damals, neben weitgehend solofreien Elvis-Songs, an schnörkellosem Rock 'n' Roll von Chuck Berry oder an Schunkelliedern des britischen Skiffle-Sängers Lonnie Donegan, allesamt effiziente, schmucklose Arbeiten, die auch das Frühwerk der Beatles kennzeichneten.

Die Tatsache allerdings, dass später "sein" bekanntestes Gitarrensolo, der Mittelteil der Harrison-Komposition While My Guitar Gently Weeps vom White Album, nicht von ihm, sondern heimlich vom technisch versierteren Freund Eric Clapton gespielt wurde, dürfte Harrison selbst am meisten gewurmt haben.

Dazu kam, dass John Lennon auf den ersten Platten der Beatles seinen jüngeren Kollegen nicht nur mit den jubilierenden Akkorden seiner Rickenbacker-Klampfe rein lautstärkemäßig ausstach. Neben dem Übergrößen-Ego Lennon musste der selbst zu Zeiten der weltweiten Beatlemania immer schüchtern im Hintergrund agierende, wortkarge Harrison seine Songs auch im Alleingang ohne Lennons kongenialen Songwriting-Partner McCartney schreiben.

Das führte dazu, dass Harrison als Komponist erst in der Spätphase der Band wirklich Gnade vor Lennon/McCartney fand. Zu Harrisons bekanntesten Songs zählen das besagte While My Guitar Gently Weeps, Here Comes The Sun und vor allem Something vom Album Abbey Road aus 1969.

Der 1943 als Sohn eines Busfahrers geborene Harrison, auch "stiller" oder "dritter Beatle" genannt, trägt jedenfalls das historische Verdienst, 1966 als Schüler von Ravi Shankar die indische Sitar in die Popmusik eingeführt zu haben. In diesem Zusammenhang gelangte auch die indische Mode in den Westen. Harrison wandte sich den Lehren des indischen Maharishi Mahesh Yogi und der transzendentalen Meditation ebenso zu, wie er sich später mit Yoga, der Krishna-Sekte und dem Hinduismus beschäftigte.

Als sich die Beatles 1970 aufgelöst hatten, veröffentlichte er All Things Must Pass, das mit 3,5 Millionen Stück bis heute meist verkaufte Soloalbum eines Ex-Beatle. Mit der Single My Sweet Lord handelte er sich allerdings einen Plagiats-Prozess ein. Er hatte seinen Song "unbewusst" an den alten Gospel-Hit He's So Fine angelehnt.

1971 organisierte Harrison in New York das erste große Benefizkonzert der Popgeschichte, The Concert For Bangladesh. Er konnte aber in Folge mit Alben wie Living In The Material World oder Dark Horse bis 1981 nicht mehr an alte Erfolge anschließen. 1981, ein Jahr nachdem John Lennon in New York ermordet worden war, meldete er sich mit der wehmütigen Lennon-Hommage All Those Years Ago und dem Album Somewhere In England zurück.

Free as a bird

Zu diesem Zeitpunkt machte er sich mit seiner Firma Handmade aber schon einen Namen in der Filmwelt, unter anderem als Produzent von Monthy Pythons Das Leben des Brian, später mit Komödien wie Michael Palins Der Missionar, Neil Jordans Mona Lisa und der bitterbösen Bananenrepublik-Satire Water.

1987 hatte er mit Got My Mind Set On You seinen letzten Nummer-eins-Hit, gründete 1988 mit Bob Dylan, Tom Petty, Jeff Lynne und Roy Orbison die famose Altherren-Combo Traveling Wilburys und stand, wie gemunkelt wurde, 1995 der Dreiviertel-"Beatles-Reunion" mit einer Bearbeitung des Lennon-Demotapes Free As A Bird durchaus kritisch gegenüber.

Harrison lebte zuletzt mit seiner Frau Olivia und seinem Sohn Dhani zurückgezogen auf dem Land. 1997 wurde dem Kettenraucher zuerst Kehlkopfkrebs, dann ein Gehirntumor diagnostiziert, zuletzt auch noch ein Lungenkarzinom. Nach mehreren Operationen und Strahlentherapien ist George Harrison jetzt in Los Angeles seiner Krankheit erlegen.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1./2.12.2001)
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