Weniger Kondome, mehr Aids

30. November 2001, 21:37
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Grüne fordern Rezeptgebührbefreiung für chronisch Kranke und HIV-Positive

Wien/Graz/Innsbruck - "Von Entwarnung kann keine Rede sein", sagte der Leiter des HIV-Bereichs an der Hautklinik in Innsbruck, Robert Zangerle, anlässlich des Weltaidstags am Samstag. Die Zahl der Neuinfektionen habe sich nämlich "auf einem hohen Niveau eingependelt": Vergangenes Jahr haben sich österreichweit 428 Personen mit dem HI-Virus infiziert, der Tiefststand lag 1997 bei 297.

Ulrike Lang-Mrosek, Sozialarbeiterin der Aidshilfe Steiermark, führt diesen dramatischen Anstieg auf den nachlässigeren Umgang mit Kondomen seit Bekanntwerden der Kombinationstherapie zurück. Diese Therapie, erklärte Max Kronawetter, Leiter der Aidsstation am Grazer Landeskrankenhaus, führe jedoch zu keiner Heilung, sie sei lediglich eine Behandlungsform, die den Ausbruch der Krankheit hinauszögere.

Im Zusammenhang mit der Behandlung sah der Gesundheitssprecher der Grünen, der Innsbrucker Mediziner Kurt Grünewald, durch eine "restriktive" Budget- und Gesundheitspolitik "den fairen Zugang zu medizinischen Leistungen gefährdet". Nur Aidskranke, nicht aber HIV-Infizierte seien etwa von Ambulanzgebühren befreit. "HIV-Infizierte müssen so lange zahlen, bis sie das Vollbild von Aids entwickeln." Grünewald forderte, dass lebenserhaltende Präparate und Therapien wieder in das Leistungsspektrum der Kassen aufgenommen und "alle chronisch Kranken" von Rezeptgebühren und Selbstbehalten befreit werden. Weiters kritisierte er, dass die Präventionsarbeit bei Drogensüchtigen durch die "Politik der Kriminalisierung" erschwert werde.

Im Bereich der Vorsorge sieht Frank Amort, Leiter der Präventionsabteilung der Aidshilfe Wien, noch ein anderes Problem, nämlich eines zwischen Stadt und Land: "Der Umgang mit Aids wird von Niederösterreich an Wien delegiert." Vor allem institutionell, weil im flächenmäßig größten Bundesland bisher keine eigene Aidshilfe existiert: ein Zustand wie sonst nur im Burgenland.

Trügerische Statistik

Dieser "Verdrängungseffekt" habe dazu geführt, dass in Niederösterreich bisher nur 5,6 Prozent aller Krankheitsfälle Österreichs aufgetreten sind. In Zahlen: 119 Personen. Der Rest der erkrankten Niederösterreicher sei der Wiener Statistik zugezählt worden. Das schüre die Ansicht, dass es "das Problem bei uns am Land nicht gibt".

Um hier verstärkt Aufklärung zu leisten, wurden nun 57 Frauen und 20 Männern aus Sozial- und Gesundheitsberufen als Multiplikatoren im Rahmen eines vom Land Niederösterreich mit 500.000 Schilling (36.336 Euro) dotierten Pilotprojekts geschult. Bisher sind in Österreich 2127 Menschen an Aids erkrankt, 1282 von ihnen gestorben: 19,9 Prozent Frauen, 80,1 Prozent Männer; 37,2 Prozent waren homo- oder bisexuell, 24,6 Prozent intravenös drogenabhängig, 15,3 Prozent heterosexuell, und 1,2 Prozent waren Kinder, die sich über die Mutter infiziert hatten, der Rest war nicht zuzuordnen. Die Zahl der HIV-Infizierten wird auf 9000 bis 15.000 geschätzt. (bri, bs, cms, fei)

(DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2001)
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