Rachmonow rät zu Besonnenheit in Kabul

30. November 2001, 17:52
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Präsident Tadschikistans im STANDARD- Interview: Lernen aus "unserer bitteren Erfahrung"

Duschanbe/Wien - Als die Taliban noch die Macht in Afghanistan hatten, tobte im benachbarten Tadschikistan lange ein Bürgerkrieg zwischen muslimischen Extremisten und der Regierung von Präsident Emomali Rachmonow. Dem 49-Jährigen, der seit 1992 im Amt ist, gelang die politische Einbindung der Radikalen.

Standard: Inwiefern lässt sich die tadschikische Erfahrung bei der Lösung des Afghanistan-Konfliktes anwenden?

Rachmonow: Es wäre ein Fehler, die tadschikische Lösung einfach als Schablone zu übertragen. Wir müssen von der realen Situation in Afghanistan ausgehen, wobei es durchaus auch Kräfte geben könnte, die an einer Lösung nicht interessiert sind und den Verhandlungsprozess torpedieren wollen. Hier braucht es einen kühlen Kopf und Geduld. Die Vertreter der verschiedenen politischen Gruppen müssen einander vertrauen, ihre Emotionen unterdrücken. Das wird schwierig werden. Ich spreche hier aus unserer eigenen bitteren Erfahrung. Der Verhandlungsprozess, der nun begonnen hat, sollte unter Beteiligung der UNO und der Nachbarländer vor sich gehen.

Standard: Welcher Zusammenhang besteht zwischen internationalem Terrorismus und Drogenhandel?

Rachmonow: Drogenmafia und internationaler Terrorismus sind identisch. Wir haben verlässliche Informationen darüber, dass bis zu 75 Prozent der Weltproduktion des Opiummohns aus den Taliban-Gebieten kamen. Das war die Grundlage für die Tätigkeit der Taliban, für ihre Waffenkäufe, für die Terrorschläge in den USA. Wir arbeiten hier eng mit der UNO zusammen und haben eine eigene Drogenagentur geschaffen.

Standard: Wieso ist es den USA gelungen, innerhalb weniger Wochen Kräfte zu besiegen, während Russland jahrelang erfolglos einen Krieg führte?

Rachmonow: Amerika hat noch nicht gewonnen, das ist noch kein Sieg der Amerikaner und der Nordallianz. Es wird noch lange ein Problem geben. Noch sind nicht alle Terroristen vernichtet. Zehntausende Taliban hat es gegeben. Wohin sind sie verschwunden? Das ist eine Frage, die uns sehr beunruhigt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1./2.12.2001)

Von Leo Gabriel
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