"Wir fordern nicht alle Rechte über Nacht"

30. November 2001, 18:05
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Frauen Afghanistans kämpfen um Respekt

"Keine Fragen." Ein Begleiter schirmt Amenda Afzali ab. Die 43-Jährige ist die einzige Frau in der Nordallianz-Delegation. Afzali hat im iranischen Exil eine Bewegung gegründet, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt - im Rahmen des islamischen Rechts. Sie trägt auch ein Tuch, das ihre Haare vollständig bedeckt. Nach zehnminütigem Drängen lenkt der Begleiter ein: "Okay, eine Aussage." Mit gesenktem Blick spricht Afzali zwei Minuten - der Mann übersetzt einen Satz: "Ich bin sehr froh, dass ich als Frau an diesem Prozess beteiligt bin." Dann zerrt er die Frau weg.

Unter den 28 afghanischen Delegierten sind drei Frauen und zwei Beraterinnen. Seddigheh Balchi ist Ministerin bei Präsident Rabbani und direkt aus Kabul angereist. "Wir sind genauso wie die Männer an allen Prozessen beteiligt, auch bei dieser Konferenz", versichert die Beraterin der Nordallianz. Nur Augen, Mund und Nase sind von einem Tuch freigegeben, sie trägt ein langes hochgeschlossenes Kleid. Die zwei Journalistinnen, die in Hosenanzügen vor ihr stehen, mustert sie und doziert: "Die islamische Kleidung ist ein Vorteil für die Frau, kein Nachteil. Die islamische Gesellschaft will nicht, dass die Frau zum Spielball für männlichen Missbrauch wird."

Sima Wali trägt dagegen einen taillierten Blazer, einen hauchdünnen Schal, der ihr immer wieder von den Haaren gleitet, und hat knallrote Lippen. Wali lebt seit zwanzig Jahren im US-amerikanischen Exil und leitete UNO-Missionen für afghanische Frauen in Pakistan. Telefonisch habe sie die Einladung zur Teilnahme als Mitglied der Delegation von Exkönig Zahir Shah erhalten und die Gelegenheit ergriffen, "in Bonn die Stimme für alle afghanischen Frauen zu erheben".

Das tut sie dann auch in schrillem Ton bei einer Pressekonferenz nach dem - nicht übersetzten - Einwand eines aus Afghanistan stammenden Journalisten, dass laut Koran Frauen keine Macht haben dürften. "Ich fordere, dass Frauen Teil der neuen Regierung werden. Der Islam sieht viele Rechte für Frauen vor", empört sich Wali. Rona Jusuf Mansuri, wie Wali Delegierte der Rom-Gruppe, mahnt zu Geduld: "Fünf Jahre Taliban-Herrschaft hatten großen Einfluss auf die afghanischen Männer. Wir können nicht alle Rechte für Frauen über Nacht fordern. Wir wollen sie langsam wieder herstellen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1./2.12.2001)

Von Alexandra Föderl-Schmid aus Bonn
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