Schweiz "vielfältig mit Nazideutschland verstrickt"

30. November 2001, 21:27
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Studie weist Finanzplatz als Drehscheibe für verdeckte Operationen aus

Die Expertenkommission, die das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersucht, hat in Bern den zweiten Teil ihres Schlussberichtes veröffentlicht. Die Studien liefern unter anderem neue Informationen zur Rolle des Finanzplatzes Schweiz und zeigen, wie das Land den Nazis als Drehscheibe für verdeckte Operationen diente.

Wirtschaftskader der Nazis nutzten den Finanzplatz Schweiz als sicheren Hafen für ihre Vermögenswerte. Die Studie "Tarnung, Transfer, Transit" zeigt, wie Nazideutschland - oft mit Hilfe von Schweizern - deutsche Firmen zur Tarnung "verschweizerte". Damit konnten diese auf mehrere Hundert geschätzten Unternehmen unbehelligt von den Alliierten weiterhin für die deutsche Kriegswirtschaft arbeiten.

Die Studie "Nachrichtenlose Vermögen bei Schweizer Banken" erhellt, wie die Schweizer Banken und der Staat dazu beitrugen, dass Vermögenswerte von Nazi-Opfern während der ganzen Nachkriegszeit auf Schweizer Banken liegen bleiben konnten. Das ursprünglich zum Schutz der Vermögenswerte vor unberechtigtem Zugriff geschaffene Bankgeheimnis erschwerte es, bürokratisch ausgelegt, vielen Nachfahren von Holocaust-Opfern, ihr Vermögen zurückzufordern.

"Nicht was während des Krieges geschah, war ein Verbrechen, sondern das, was danach geschah: dass die Schweiz und ihre Bevölkerung nicht bereit waren, sich mit ihrem Verhalten zur Kriegszeit auseinander zu setzen." Diese Bilanz zieht der Basler Geschichtsprofessor Georg Kreis aus der bisherigen Arbeit der Expertenkommission, der er selber angehört, im Gespräch mit dem STANDARD.

"Auch als neutraler Kleinstaat war die Schweiz damals in hohem Maß mit dem Ausland verbunden und auch in vielfältiger Weise mit Nazideutschland verstrickt. Die damals herrschende Vorstellung, man sei klein und neutral, hat sich rückblickend als fatal erwiesen; denn sie führte dazu, dass man auch nach dem Kriege glaubte, man müsse sich die Frage nach Verantwortung und Wiedergutmachung nicht stellen."

Einige weitere Studien der Expertenkommission sind noch in Arbeit, darunter eine über die Rolle der Schweiz bei der "Arisierung" von Betrieben in Österreich. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 1.12.2001)

Standard-Korrespondent Klaus Bonanomi aus Bern
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