Weihnachten verweigern?

30. November 2001, 22:00
5 Postings

Pro: "Jedes Jahr dasselbe Theater" - Contra: "Weihnachtsverweigerung ist im Grunde Lustverweigerung"

+ + + PRO

Samo Kobenter

Jedes Jahr dasselbe Theater. Es begann mit dem Aufputzen des Christbaums. Zuerst sah man, welchen Baumkrüppel der rotznäsige Bauer aus dem Gurktal einem angedreht hatte ("A scheanarn Tonnenbam gibts im gonzn Tol nit, Schef"). Dann gaben Großmutter und Mutter Obacht, dass er ganz in Weiß aufgedremmelt wurde, Lametta-Abstand fünf Millimeter, Länge 20,5 bis 21,3 Zentimeter, Hängetiefe für den Rest an Kugeln, Glöcklein usw. 15 bis 28 Zentimeter, Kerzenabstand 10 bis 15 Zentimeter, Sternspritzerverbot seit 1972 (Zimmerbrand). Hätt' ich den schiefen Gast nicht angeleint, er wär' dagelehnt wie ein angefrorenes Schneeweißchen.

Einmal haben mein Vater und ich einen Baum mit Strohsternen, Wachskerzen, Lebkuchen und selbstgeformten Figuren aus Salzteig geschmückt. Großmutter hat bis Ostern nicht mit uns gesprochen. Gut, da war ein rustikales Engerl unter den Figuren, das auf dem Nachttopf saß und aus allen Backen Hosianna blies.

Dann das jährliche Konzert im Schein des Lichterbaumes, meine Schwester an der Querflöte, ich am Klavier. Bei meinem Einsatz verstummte selbst der Hund des Nachbarn, der seit Stunden der Weihnachtsknackwurst entgegengejault hatte.

Wenn Familienrituale die Kette bilden, in der sich Generationen über Jahrhunderte hinweg die Hände reichen, kann ich darauf gern verzichten. Heuer gehe ich in den Wald, hinauf zur kleinen Kirche, in der keine Mette mehr stattfindet, weil's den Christen zu kalt ist. Dort ein wenig sitzen, mir vornehmen, mehr Nachsicht mit meinen Feinden und mehr Geduld mit meinen Lieben zu haben. Vielleicht eine Ahnung bekommen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet.

******

- - - CONTRA

Doris Priesching

Die Nichtungsstruktur von Freiheit entsteht im Zusammenspiel von Faktizität und Transzendenz." Dieser kluge, aber leider auch völlig unverständliche Satz stammt von Jean-Paul Sartre. Übersetzt bedeutet er: "Jeder ist seines Glückes Schmied". Nichts trifft auf Weihnachten mehr zu.

Weihnachten uneingeschränkt zu mögen, ist selbstverständlich nicht möglich. Aber ist es nicht so, dass sich jene Teile, die rund ums Fest nicht geliebt sind, besonders zu vorweihnachtlichen Zeiten genüsslich ausblenden lassen? Im Prinzip ist es ganz einfach, nur ein paar Regeln gilt es zu befolgen:

Erstens: nicht am Rathausplatz Punschtrinken. Zweitens: am Vormittag des 24. Dezember Meinl am Graben meiden. Drittens: nicht am 8. Dezember mit Kind und Kegel ins Einkaufszentrum fahren. Es heißt viertens - wenn möglich - nicht bei der Weihnachtsfeier mit dem nächstbesten Kollegen alkoholgetränkte Zungenküsse zu tauschen. Und wenn fünftens "Last Christmas" im Radio auf und ab gespielt wird, darf man frohen Mutes abschalten. All das kann einem die "stillste Zeit des Jahres" vergällen, doch kein Mensch ist dazu verpflichtet.

Vergangene Woche haben wir die Terrasse mit Lichterketten beleuchtet, der Christbaum wird sich hübsch dazu machen. Kitsch und Kommerz anzuprangern ist ein Leichtes für die, die nichts anderes kennen. Weihnachtsverweigerung ist im Grunde Lustverweigerung. Und am 24. Dezember schau ich mir den "tapferen kleinen Toaster" an. (DERSTANDARD/rondo/30/11/01)

UMFRAGE
Weihnachten verweigern?

Share if you care.