Standort Wien im Mittelfeld

29. November 2001, 21:27
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Es fehlt das politische Bekenntnis zur Biotechnologie, klagen Experten

"Wir sind noch relativ unbedeutend." Mathias Drexler von der Innovationsagentur im Infrastrukturministerium beurteilt die Aussichten, in Wien Spitzenforschung in der Biotechnologie zu etablieren, eher zurückhaltend. International befände man sich derzeit im Mittelfeld, gemessen am Output in bestimmten wissenschaftlichen Publikationen.

In einer vergangenen Mittwoch präsentierten Studie der Boston Consulting Group wird immerhin von einem hohen Potenzial gesprochen. In Wien seien die Biotech-Aktivitäten vor allem an einem Standort konzentriert: Am Vienna Biocenter in der Bohrgasse im dritten Bezirk sind universitäre Forschungsinstitute, das Institut für molekulare Pathologie (IMP - betrieben und finanziert vom Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim) und einige junge Start-up-Firmen angesiedelt. Prinzipiell gute Voraussetzungen, um vom Mittelfeld weg in Spitzenforschungen vorstoßen zu können.

Was es aber dafür braucht: "Die langfristige Bereitschaft, in diesem Bereich zu investieren", so Drexlers Gruß an die Politik. Ähnlich sieht das Nikolaus Zacherl, administrativer Direktor des IMP: Er verlangt "konstante Förderprogramme" und ausreichend Infrastruktur - von der Einrichtung von Labors bis zu einem Hörsaal-Zentrum und der Verkehrsanbindung - eben für das Vienna Biocenter. Die politischen Verantwortlichen müssten zu dieser Art der medizinischen Forschung stehen. Grund der Forderung: Wenn es darum gehe, Patente zu verwerten, dann gebe es nämlich Widerstand.

Ohne diese Voraussetzungen würden qualifizierte österreichische Forscher nicht in Wien bleiben, sondern in den bereits etablierten Biotech-Cluster in München abwandern. Drexler meint, dass es viele Absolventen aus Medizin, Biochemie und Molekularbiologie gibt, die in der biotechnologischen Forschung Fuß fassen möchten. Vor allem wegen des neuen Uni-Dienstrechts, das nur mehr für wenige die Perspektive einer wissenschaftlichen Karriere eröffnet, seien viele Jungforscher auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Start-up in Biotech

In der Innovationsagentur schätzt man außerdem, dass in den vergangenen zwei Jahren 100 Mio. Schilling an Fördergeldern für Start-up-Unternehmen ausgezahlt wurden. Weitere 150 Millionen würden ad hoc gebraucht. Bis zu fünf Millionen Schilling (363.364 EURO) pro Neugründung werden finanziert.

Seit Beginn des Förderprogramms sind in Wien, Graz und Salzburg 25 Start-up-Unternehmen entstanden. "60 bis 70 Prozent waren auf dem Markt nicht überlebensfähig", meint Drexler. Um so wichtiger sei daher die Unterstützung der öffentlichen Hand: "Eine Million Bundesmittel zieht 20 Millionen von privaten Investoren nach sich."

Erst nach einer "sieben- bis achtjährigen" Durststrecke seien die neuen Biotech-Firmen für Venture-Capital-Geber wirklich interessant. Drexler erwartet - im Gegensatz zur mittlerweile schwer gebeutelten Internet-Branche - langsames, dafür aber nachhaltiges Wachstum für Biotech-Unternehmen. Es stehe mehr Entwicklungsfähigkeit dahinter. "Einige echte Highflyer werden am Markt reüssieren." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2001)

Es fehlt das politische Bekenntnis zur Biotechnologie, klagen Experten. Ohne ein solches gibt es aber keine öffentlichen Mittel zur Forschungsförderung, zum anderen können Patente nicht gewinnbringend verwertet werden. Der internationale Boom kommt erst jetzt nach Österreich - am Vienna Biocenter.

Von Andrea Waldbrunner

Innovationsagentur
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