Die Sprachlosigkeit Reisender

29. November 2001, 19:44
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Eine Zigarre mit Churchill - von Ilse Aichinger

Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf. Die unglaubliche Sprachlosigkeit Gesellschafts- oder auch Einzelreisender: Sie reicht nicht zur Stille, umso mehr zur Stummheit. Das gibt dann Lichtbildervorträge.

"Hier siehst du mich" - aber wen sieht man, zwischen Eisbergen oder an Dattelpalmen gelehnt? Wieder nur sich selbst. Deshalb ist es mir lieber, immer dieselben Wege zu gehen oder dieselben Strecken zu fahren. Die Qualität der Entdeckungen wächst, bringt Ruhe und neue Aufbruchsmöglichkeiten. So war ich vor kurzem einmal nicht in Wien, sondern wieder in einem echten Wachsfigurenkabinett, bei Madame Tussaud's.

Es gibt Reisen, die in die Ferne, und solche, die in Geschichte führen. Das ist Madame Tussaud, einst wohnhaft nahe der Baker Street, wo Sherlock Holmes ein Museum für seine Nichtexistenz bekam. Bevor sie, weil das Geschäft ihres ersten Wachsfigurenunternehmens in Paris nachgelassen hatte, 1802 nach London kam, hatte die 1761 in Straßburg getaufte Marie Grossholtz (die spätere Madame Tussaud) schon eine Ausbildung in Anatomie genossen: Ihre Mutter nahm eine Stellung im Haus des Arztes Philipp Curtius an, der anatomische Figuren in Wachs nachbildete und mit deren Ausstellung reich wurde. Marie bildete früh Benjamin Franklin nach, Dr. Curtius zwang sie aber auch, während der französischen Revolution Leichenhaufen nach gut modellierbaren oder prominenten Köpfen zu durchsuchen.

So blieb sie immerhin in einer Gesellschaft, die besser war als die hohe, und geschickt nahm sie auch Robespierre die Totenmaske ab. Gegen Ende der Revolution starb Dr. Curtius, Marie erbte die Ausstellung. Es war, wenn man sich die Eintrittskarte leisten konnte, eine Vorform des Kinos, noch vor den Panoramen, aber die Pariser hatten schon zu oft denselben Wachs-Film gesehen, sodass Madame Tussaud, wie sie sich nannte, nach England aufbrach und 33 Jahre durch England tourte, Hauptattraktion: die Totenmaske Napoleon Bonapartes. Als bei einer Überfahrt nach Irland die stürmische irische See einmal das Schiff zum Kentern brachte, überlebten wenige, aber Madame Tussaud und einige ihrer Figuren stiegen, nicht ganz trocken zwar, aber doch, an Land. Mit 74 beschließt sie, sich in London niederzulassen, nicht weit von der heutigen Filiale. 1850 starb sie mit 89 Jahren, ihre Söhne und Enkelsöhne führten die Ausstellung weiter und verlegten sie 1884 an den jetzigen Ort.

Die "Chamber of Horrors" hieß noch nicht so, aber der Scharfrichter Marwood kam oft hierher, um Figuren zu besuchen, die er hingerichtet hatte. Jetzt steht, seit dem Zweiten Weltkrieg, am Eingang der "Chamber of Horrors" die Figur Adolf Hitlers. Ihn zu besuchen lohnt sich: Er sieht in Wachs genauso unbedeutend aus wie in Wirklichkeit, ein Nobody, bei dem ich schon 1938 nicht verstand, warum ihm so viele nachliefen.

Er ist ein Grund, bei jeder Englandreise dem Kabinett einen Besuch abzustatten. Ein anderer Grund ist der sehr gut modellierte Winston Churchill. Gerne würde man ihn auf eine Zigarre einladen, an Hitler vorbeispazieren und Zigarrenasche fallen lassen.

Die nächste "Unglaubwürdige Reise", als eine Art Fortsetzung zu Aichingers "Journal des Verschwindens" folgt kommenden Freitag.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2001)
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