Günter Verheugen: Schöngeistiger Vereiniger Europas

29. November 2001, 20:19
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Sein politischer Lebenstraum ging für Günter Verheugen nicht in Erfüllung. Er wäre gerne deutscher Außenminister geworden. Als SPD und Grüne nach dem Sturz Helmut Kohls im Oktober 1998 darangingen, das rot-grüne Regierungsbündnis zu schmieden, hatte ein anderer - Joschka Fischer - diesen Job bereits für sich reserviert.

Für Verheugen, den profiliertesten Außenpolitiker in der SPD-Fraktion, blieb nur der Posten eines Staatssekretärs in Fischers Außenamt. Als solcher hatte er sich in die komplexen Vorgänge der Europapolitik zu vertiefen, und er tat das mit der ihm eigenen Genauigkeit bis ins Detail.

Das mag mit ein Grund sein, warum er schon Mitte 1999 wieder den Job wechseln musste, als die Santer-Kommission in Brüssel vorzeitig abtrat und er von Kanzler Gerhard Schröder als EU-Erweiterungskommissar nach Brüssel geschickt wurde. Verheugen, der intellektuelle Typ, konnte sich selten auf die Basis eines festen Parteiklüngels stützen.

1944 in Bad Kreuznach als Sohn eines Bankdirektors geboren, passt er so gar nicht ins Bild des frohsinnigen Rheinländers. Er ist ein wahrhaft vielschichtiger Mensch, dessen Leben im Privaten wie im Politischen von Brüchen, Schicksalsschlägen und neuen Anfängen tief geprägt ist - etwa dem frühen Tod seiner ersten Frau. Der Vollblutpolitiker, der Geschichte und Politikwissenschaft studierte, sammelt alte Spieluhren und Antiquitäten, liebt moderne Lyrik und klassische Musik. Im berühmten Fragebogen der Frankfurter Allgemeinen gab er einmal zur Antwort, ein Unglück sei für ihn, "dass die Welt mit so wenig Verstand regiert wird".

"Ich habe ein eingeschränktes Blickfeld und kann nur nach vorne gucken", sagte er einmal an anderer Stelle, in einer melancholisch-feinsinnigen Anspielung auf eine der Prüfungen, denen er ausgesetzt war und die wohl auch seine innere Festigkeit erklären, die er ausstrahlt: Nach einer Netzhauterkrankung hätte er fast sein Augenlicht verloren. Geblieben ist ihm eine dicke Brille.

Der stete Blick nach vorn und das Bewahren von "Anständigkeit", einer für ihn wichtigen Kategorie, hat sein politisches Leben geprägt, das abenteuerliche Wendungen genommen hat. Als 16-Jähriger war er, ein nach Eigendefinition "sozialer Liberaler", in die FDP eingetreten und wurde vom legendären FDP-Chef und Außenminister Hans-Dietrich Genscher entdeckt. An dessen Seite brachte er es bis zum FDP-Generalsekretär, der aber 1982 nach dem fliegenden Koalitionswechsel der Liberalen von der SPD Helmut Schmidts zur CDU Kohls aus der Partei austrat und der SPD beitrat. Dort machte er zum zweiten Mal Karriere.

Nun will er einen neuen Traum realisieren: die friedliche Vereinigung Europas mittels der EU-Erweiterung.

(DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2001)
von Thomas Mayer
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