"Afghanen haben Lektion gelernt"

29. November 2001, 17:51
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UN-Beauftragter Vendrell: Frieden, oder Staat wird nicht existieren

Standard: In Bonn haben sich vier Gruppen von Afghanen versammelt, die vor kurzem noch zum Teil verfeindet waren. Jetzt sitzen alle an einem Tisch und diskutieren über die Zukunft ihres Landes mit den Vereinten Nationen. Lässt dies auf eine friedliche Zukunft in Afghanistan hoffen?

Vendrell: Die Zukunft Afghanistans muss eine Zukunft in Frieden und gegenseitiger Verständigung sein, oder Afghanistan wird als Staat nicht mehr existieren. Afghanistan hat 22 Jahre an internen Kriegen gelitten. Ich glaube, die Afghanen haben ihre Lektion gelernt. Dieser Konflikt kann das Land in den Ruin treiben. Die Afghanen haben jetzt eine exzellente Chance, weil die internationale Gemeinschaft interessiert daran ist, ihnen politisch und ökonomisch zu helfen.

Standard: Wie wollen Sie garantieren, dass der Friedensprozess funktioniert?

Vendrell: Wir möchten gerne eine neutrale multinationale Kraft haben, die die Ordnung garantiert und erlaubt, dass die Behörden funktionieren. Während der Übergangszeit sollte man eine neue Verfassung ausarbeiten, die den Weg für offene Wahlen eröffnet.

Standard: Eine Einigung über eine Übergangsregierung und einen Rat ist nahe. Wie soll eine Verfassung aussehen?

Vendrell: Das weiß ich nicht, das müssen die Afghanen selbst entscheiden. Aber wir glauben, dass die Basis sehr klare Prinzipien sein sollten, die international anerkannt sind. Zum Beispiel muss es ein System sein, das politisch- religiösen Pluralismus und eine demokratische Erneuerung der Regierung erlaubt, das streng die Menschenrechte respektiert und die Rechte der Frauen sowie der verschiedenen ethnischen Minderheiten ebenso. Und dass es eine Regierung gibt, die bereit ist, gegen den Terrorismus zu kämpfen.

Standard: Gibt es eine Figur, die alle Afghanen integriert, zum Beispiel den Exkönig?

Vendrell: Ja, das glaube ich. Weil der König so viel Respekt und Sympathie aller Seiten genießt, kann er eine Rolle als Einigungsfigur für die Afghanen spielen. Ich hoffe, dass das ein Erfolg dieser Konferenz sein kann.

Standard: Sie haben von den Rechten der Frauen gesprochen? Welche Rolle haben die Frauen bisher bei der Konferenz gespielt?

Vendrell: Wir sind erst am Anfang. Aber wir haben vier Frauen in den Delegationen (Anm.: drei auf afghanischer, eine auf UN-Seite). Das bedeutet ein bisschen mehr als zehn Prozent. Das ist natürlich sehr wenig, weil die Frauen die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ausmachen. Aber wenn wir an die Vertretung der Frauen in anderen Parlamenten denken, ist das nicht schlecht für den Anfang.

Standard: Mit welcher Hoffnung sehen Sie diese Konferenz?

Vendrell: Mit begrenztem Optimismus. Alle Seiten sind offen und sprechen miteinander mit Ehrlichkeit. Die Stimmung ist sehr gut. Es geht voran. (afs)
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2001)

Francesc Vendrell ist stellvertrender UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan. Der Spanier leitet mit Lakhdar Brahimi die Konferenz in Bonn.
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