Happy Birthday, Monsieur le Président

29. November 2001, 17:58
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Chiracs Alter wird zum Wahlkampfthema

Ein freundschaftlich angestimmtes "Happy Birthday, Monsieur le Président", das wollte Jacques Chirac beim gemeinsamen Dîner mit Toni Blair Donnerstagabend in London vermeiden. Telefonanrufe aus dem Pariser Elysée-Palast hatten darum gebeten, den glücklichen Anlass nicht an die große Glocke zu hängen. Dennoch: Der britische Premierminister ließ es sich nicht nehmen, dem französischen Staatschef ein persönliches Geschenk zu dessen 69. Geburtstag zu überreichen.

Ein keines Präsentchen

Da konnte selbst der französische Regierungschef Lionel Jospin (64) nicht hintanstehen: Ein kleines Geburtstagspräsent für den Präsidenten sei doch "das Mindeste", ließ er im Voraus verlauten. Chirac indes dürfte die "Anerkennung" wohl ziemlich geärgert haben. Denn seit Tagen spricht Frankreich nur noch über den präsidialen Geburtstag, oder besser: das präsidiale Alter. Und damit über genau das, was die Elysée-Berater im Hinblick auf den einsetzenden Präsidentschaftswahlkampf um alles in der Welt verhindern wollten.

Dabei haben sie es sich selbst zuzuschreiben, dass die Zahl 69 nun in aller Munde ist. Seit längerem verdächtigen sie das Jospin-Lager einer bevorstehenden Attacke unter der Gürtellinie, also dort, wo auch das Portemonnaie sitzt: Es hieß, sozialistische Wahlkämpfer bereiteten Flugblätter in Bargeldform, um auf die Affäre der cash bezahlten Luxusreisen Chiracs anzuspielen.

Das Monatsblatt Capital nahm bereits die Vermögen der Präsidentschaftskandidaten unter die Lupe und stellte fest, dass Chirac 15 Mio. Francs (2,3 Mio. /31,5 Mio. S) auf der hohen Kante hat, fast so viel wie der erzreiche Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen, und fast zehnmal so viel wie der Sozialist Jospin.

"Dinosaurier unter sich"

Neuen Alarm löste im Elysée das Gerücht aus, die Jungsozialisten planten Wahlplakate, die Chirac beim Treffen mit dem sowjetischen Exstaatsoberhaupt Leonid Breschnew zeigten. Motto: Dinosaurier unter sich. Um dem Coup zuvorzukommen, orientierte das Elysée befreundete Medien, und die machten den Wahlgag prompt publik. Die Jusos erklärten, sie fänden die Plakate eine gute Idee - bloß hätten sie nie einen Druckauftrag dazu erteilt.

Für Gesprächsstoff im Tout Paris war allerdings gesorgt. Dank des Elysée diskutiert nun Frankreich über die Überalterung des politischen Systems im allgemeinen und seiner Politiker im speziellen.

Der Sprecher des Parti Socialiste, Vincent Peillon, erklärte am Mittwoch, das Durchschnittsalter der Politiker steige seit zwanzig Jahren ständig, weshalb man das Kandidatenalter auf 70 Jahre beschränken sollte. Chirac könnte damit aufatmen. Peillon nahm ihn aber im gleichen Atemzug als Beispiel für eine "lange Karriere", die "einen Abtritt wohl verdient" habe. Dann wünschte er dem Präsidenten "frohen Geburtstag". (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 30. 11. 2001)

Standard-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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