Martin Walser fordert "junge Linke" zum Duell

29. November 2001, 20:49
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... der Worte: "Schlagworte mit einer Marx-Soße zum trübsten Gebräu angerichtet"

Rostock/Stuttgart - Der Schriftsteller Martin Walser hat die gegen ihn protestierenden Vertreter der "jungen Linken" am Mittwochabend in Rostock zur Diskussion aufgefordert: "Ich bin sehr an einem Gespräch interessiert".

Bei seiner Lesereise durch Deutschland haben jugendliche Demonstranten dem Schriftsteller Antisemitismus vorgeworfen und wiederholt seine Veranstaltungen gestört. Die Kritik richtet sich gegen Walsers umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1998 in der Frankfurter Paulskirche. Der Autor hatte damals eine "ständige Thematisierung des Holocaust" als "Moralkeule" bezeichnet und sich gegen eine "Instrumentalisierung von Auschwitz" gewandt.

Walser fühlt sich missverstanden: "Sie kennen nur zwei, drei Zitate, haben aber noch nie was von mir gelesen." Bisher sei noch kein Demonstrant zu seiner Lesung oder zu einem Gespräch geblieben, sagte Walser: "Es macht mich wütend, und ich muss mich sehr beherrschen".

Diese Woche war in Bremen ein Protestplakat zu sehen, das Walser in SS-Uniform zeigte. Im September war es anlässlich einer Lesung in Erfurt zu einer Rangelei zwischen Walser und den Demonstranten gekommen, bis schließlich die Polizei eingriff: "Da habe ich gemerkt, dass ich zur Gegenaktion neige".

Walser sieht eine "neue Protestgeneration" heranwachsen: "Unschuldige Kinder, nichts als helle, schöne Jugendliche, die ihre Flugblätter vorlesen wollen, aber unansprechbar sind, gepanzert mit endgültigem Wissen".

Anfangs hätten sie ihre Meinung in Form von Plakaten geäußert, seit einiger Zeit aber gebe es immer wieder Störversuche bei Veranstaltungen. Walser erklärt sich die Zunahme der Proteste mit der Suche nach Inhalten: "Die Junge Linke hat ja auch sonst nicht viel zu sagen."

Nach wie vor wehrt sich Walser gegen eine Reduzierung seiner Paulskirchenrede auf wenige, missverständliche Formulierungen. "Diese paar Schlagworte werden jetzt auf Flugblättern mit einer Marx-Soße zum trübsten Gebräu angerichtet, dem ich je in deutscher Sprache begegnet sind". (APA/dpa)

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