Verlustängste und der Umgang in der Familie

29. November 2001, 09:12
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Versorgungslücke bei Kommunikation zwischen Eltern und Kindern

Wien - "Vieles bleibt unausgesprochen, weil Krebs noch immer als individuelles Schicksal und nicht als Familienereignis begriffen wird. Eine enorme Versorgungslücke klafft bei der Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern", skizzierte die Geschäftsführerin der Wiener Krebshilfe, Bettina Brandtner, die Idee im Gespräch mit der APA. Ansetzen möchte das Projekt "Mama hat Krebs" daher genau dort, wo die Dinge ungesagt bleiben und Spannungen entstehen könnten.

Schweigen ist keine gute Lösung

"In den meisten Fällen entscheiden sich die Eltern zum vermeintlichen Besten des Kindes für das Schweigen. Sie wollen die Krankheit mit sich selbst ausmachen und ihre Sprösslinge nicht beunruhigen. Doch durch einschneidende Therapien kann man die Krankheit nicht verstecken", weiß die engagierte Fachfrau. Wenn dem Kind bewusst ein aufklärendes Gespräch vorenthalten wird, fühle es sich "zu Recht ausgegrenzt und isoliert".

Befürchtete Verlustangst

Aus einem befürchteten Verlust könne sogar eine psychische Störung hervorgehen, die das Kind bis in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter begleitet. Brandtner: "Schuldfragen wie 'Was habe ich bloß gemacht, dass Mutti so leidet' sind die weitere Folge. Häufig kann es passieren, dass die Kinder bzw. Jugendlichen sich aufgefordert fühlen, in die Rolle der Mutter bzw. des Vaters zu schlüpfen, um Verantwortung für jüngere Geschwister zu übernehmen, oder sogar glauben, als Partnerersatz dienen zu müssen. Aus jungen Menschen werden Erwachsene herangebildet, die auf Grund ihres Alters oder Reifegrades nie das erfüllen können, was sie vorgeben", schilderte die Expertin. Das "Kindsein" werde von einem Tag auf den anderen abgelegt und verdrängt, was meist ungeahnte Folgen für spätere Beziehungen und Partnerschaften bedeutet. Eine altersadäquate Information sei daher besser als medizinisches Fachvokabular.

Kommunikationsbarrieren

Im Rahmen von Gruppen- und Einzeltherapien sollen die Patienten daher lernen, mit der Krankheit umzugehen und Kommunikationsbarrieren zur Umwelt abzubauen. "Reden ist quasi der Motor zur Bewältigung der Krankheit. Eine offene, auf Vertrauen basierte Kommunikation innerhalb des Familienverbandes wirkt für alle wie Balsam auf der Seele und unterstützt nachweislich anfängliche Probleme", meinte die Expertin. So werde bei extrovertierten Patienten, die sich ihrem Umfeld mitteilen, dieser Bewältigungsprozess leichter in Gang gesetzt, als bei jenen, die ihre Ängste und Nöte verbergen oder gar verdrängen wollen.

"Vor allem Frauen erleben ein Dilemma, wenn ihnen bewusst wird, dass kleine, aber reale Probleme nicht mehr allein zu schaffen sind. Innerhalb der Familie obliegt ihr (der Frau, Anm.) in der Regel die Rolle als Versorgerin, die sie in den nächsten Monaten nicht erfüllen kann. Durch die psychologische Betreuung der Familien kann den Patientinnen auch dieser Ballast genommen werden", so Brandtner. (APA)

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