Alltag in Palästina ist ein täglicher Spießrutenlaufen zur Arbeit

29. November 2001, 09:35
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Viele gelangen illegal an ihren Arbeitsplatz

Genf - Der palästinensische Psychologe Rifat Kaziz kann seinen Arbeitsplatz in Jerusalem nur illegal erreichen, denn die Zufahrtstrassen in die Stadt sind für Palästinenser gesperrt. So gestaltet sich der Weg zur Arbeit für ihn zum Spießrutenlaufen. "Der Weg nach Jerusalem ist eine Reise, auf die man sich psychisch und physisch vorbereiten muss", erklärte der YMCA-Direktor im .

Für zwölf Kilometer braucht man oft drei Stunden

Für die zwölf Kilometer von seinem Wohnort in Beit Sahour bis nach Jerusalem braucht er bis zu drei Stunden. Er muss mehrmals das Transportmittel wechseln, über Felder und Hinterhöfe gehen. Palästinenser aus dem Westjordanland brauchen eine Bewilligung, für Jerusalem, seit die Stadt 1967 von Israel annektiert wurde. Da man aber wochenlang warten muss, um schließlich eine Bewilligung für drei Tage zu bekommen, stellen viele Leute gar nicht erst ein Gesuch und gehen illegal zur Arbeit.

Aktenpräsenz

Kaziz weiß nicht, was passiert, falls er erwischt wird. Wer in israelischen Akten aufscheine, könne unter dem Vorwand angeklagt werden, er habe versucht, eine Bombe zu legen. Andere würden einfach zurückgeschickt oder für einige Tage inhaftiert. Zwei seiner Bekannten aus Beit Sahour wurden nach Gaza gebracht, erzählt Kaziz. Dort blieben sie stecken, denn es sei eine Bewilligung nötig, um Gaza zu verlassen. Glücklicherweise war damals der Flughafen von Gaza für zwei Tage offen, so konnten sie nach Ägypten gelangen und von dort aus über Jordanien zurück nach Hause. "Es kostete die beiden ein Vermögen und dauerte etwa drei Wochen bis sie zurück waren. Das war ihr längster Tag", sagte Kaziz lachend.

Trennung der Gebietesei durch die Oslo-Abkommen 1993 verschärft

"Mit Siedlungen, Militärcamps und Checkpoints erreichte Israel, das Land zur zerstückeln. Täglich wird palästinensisches Land beschlagnahmt", sagt Kaziz. Die Trennung der verschiedenen Gebiete sei durch die Oslo-Abkommen 1993 verschärft worden. Damals wurden die Zonen A, B und C eingeführt. Zone A steht unter palästinensischer Kontrolle, in Zone B hat die palästinensische Behörde die administrative Kontrolle und Israel ist für die Sicherheit zuständig. Zone C ist vollständig unter israelischer Kontrolle. "Wir leben unter einer nicht anerkannten Besatzung, wir sind eine Nation und fordern unseren eigenen Staat", erklärt Kaziz. Israel solle anerkennen, dass es eine Besatzungsmacht sei und die Palästinenser nationale Rechte hätten.

Problem für die Sozialarbeiter

Die Abriegelungen der Palästinensergebiete sind auch ein Problem für die Sozialarbeiter der Young Men's Christian Association (YMCA). So können sie oft ihre Projekte in den Dörfern nicht besuchen. 1948 zur Unterstützung palästinsischer Flüchtlinge gegründet, baute die YMCA-Palästina seit der ersten Intifada (1987-93) unter anderem Programme zur Wiedereingliederung von behinderten und taumatisierten Kindern und Jugendlichen auf.

Es gab damals große Demonstrationen gegen die israelische Besatzung. Israelische Soldaten feuerten in die Menge, zahlreiche Kinder wurden verletzt und blieben behindert, wie Kaziz erklärt. Viele wurden in den Rücken geschossen und hätten dadurch Probleme mit Verletzungen der Wirbelsäule. Andere überlebten Kopfschüsse und sind seither gelähmt.

Intifada

Bei der neuen Intifada gab es laut Kaziz seit letztem September bereits dreimal mehr Tote und Verletzte als während der ganzen ersten Intifada. Die wenigsten Opfer seien getötet worden, weil sie Israelis angriffen, sondern weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Die YMCA leistet psycho-soziale Rehabilitation für Kinder. 40 Psychologen und Sozialarbeiter sowie ein Pool von Freiwilligen informieren auch Lehrer über den Umgang mit traumatisierten Kindern. Die Organisation führt zudem Ausbildungsprogramme durch, damit behinderte Jugendliche eine Existenz als selbständig Erwerbstätige aufbauen können. (APA)

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    Checkpoint bei Nablus

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