"Das göttliche Niesen": Über das Taschentuch

21. März 2002, 10:14
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Plutarch behauptete: "Was der Puls für den Körper des Menschen bedeutet, ist für die Seele das Niesen." Liebesgötter sollen bei der Geburt schöner Frauen geniest haben. Aber hatten sie Taschentücher?

Hier ein Niesen, ein Schneuzen, da ein Naseaufziehen. Erkältete Schnupfnasen sind in diesen Zeiten allerorts. Winter ist ja in seiner wirklichen Berufung eben nicht nur eine Jahreszeit, sondern eine Attacke auf Laune und Gesundheit. Wer jetzt noch keinen Schnupfen hat, der holt sich seinen eben später, aber er holt ihn sich. Glückliche Zeiten für Papiertaschentücher.

Nasen auf Tuchfühlung

Die Geschichte eines vielstrapazierten Stücks Tuch begann als ein Stück Allzweckleinen, im wahren Sinne des Wortes. Gut für Tränen und Schweiss, als Einpackpapier für die Wegzehrung oder als Tragehilfe für Waldbeeren und Pilze. Bis heute schützt man sich vor der Sonne, indem man an allen vier Ecken einen Knoten macht und sich das Ganze dann auf den Kopf legte.

Man konnte damit kleinere Wunden verbinden, oder man setzte sich drauf, wenn man sich nicht beschmutzen wollte. Und nicht den berühmten Knoten im Taschentuch zu vergessen, wenn man erinnert werden wollte, dass man an etwas denken sollte. Haben Sie das alles mal mit einem Papiertaschentuch versucht?

Ganze Gesellschaften sind auch ohne Taschentuch ausgekommen. Und während man im China der Han-Dynastie schon Papiertaschentücher kannte, fing es bei den Römern mit der «Mappa» an. Taschentücher wurden im alten Rom kostenlos vor den Zirkusarenen verteilt: Damit wurde entschieden über Sein oder Nichtsein der Gladiatoren. Wenn das Volk die Tücher mit Begeisterung schwenkte, kam der Kämpfer mit dem Leben davon.

"Die Lichter an der Oberlippe"

Das Schneuztuch war lange Statussymbol weltlicher und kirchlicher Würdenträger. Alle anderen, Bürger, Bauern, Handwerker, putzten sich die Nase auf eine Art, die entweder einen Ärmel oder die Finger in Mitleidenschaft zog. Was seinerzeit aber nicht im mindesten gegen die guten Sitten verstieß.

Wer vornehm tun wollte, achtete nur darauf, zum Schneuzen die linke Hand zu nehmen, weil man mit der rechten noch bei Tisch zugreifen musste. Zumindest, solange es keine Gabeln gab. Und bei Tisch schneuzten sich die feinen Herrschaften gerne ins Tischtuchs, um die «Lichter an der Oberlippe» zu beseitigen, wie das Phänomen umschrieben wurde.

(red)
(Ende Folge 1)

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