Noam Chomsky: "Die Medien betrügen ganz bewusst"

28. November 2001, 20:27
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Der Sprachwissenschafter sieht eindeutige "Muster der Selektivität" bei der Berichterstattung

Lahore - "Die Medien betrügen ganz bewusst", stellt Noam Chomsky so ruhig wie unerbittlich fest. Konkreter Anlass für die Kritik des am renommierten Massachusetts Institute of Technology lehrenden Linguistikprofessors: der Krieg gegen den internationalen Terrorismus.

Bei letzterem Begriff muss Chomsky, den DER STANDARD während dessen Vortragsreise im pakistanischen Lahore traf, stets zuerst an seine eigene Heimat, die USA, denken. Die Presse aber schiebe derartige Gedanken - und erst recht einschlägige Recherchen - bewusst zur Seite. Wo denn werde einmal ausführlich darüber berichtet, dass die Vereinigten Staaten als bisher einziges Land der Welt vom Internationalen Gerichtshof wegen Terrorismus verurteilt wurden? Damaliger Anlass: das brutale Engagement des Reagan-Teams gegen die sandinistische Regierung in Nicaragua. Managua, für das sich die Option eines Bombardements von Washington nicht gestellt hätte, "zog den Rechtsweg vor, dessen Resultat die USA freilich schlicht ignorierten - sie verstärkten ihre Angriffe".

Wann, bringt der Sprachwissenschafter ein weiteres Beispiel, werde daran erinnert, dass die UNO Ende 1987 eine Resolution gegen den Terrorismus verabschiedete und zwei Staaten - die USA und Israel - ihr Veto einlegten? Weil die Resolution den Kampf gegen militärische Besatzung sowie rassistische Regime ausdrücklich von der Definition des Terrorismus ausnahm.

"Falsche Täter"

Gerade die aktuelle Weltpolitik aber erfordere eine Auseinandersetzung mit Begriff, Phänomen und Geschichte des Terrorismus sowie den Umgang damit. Wer sich dem verweigere, setze sich dem Verdacht aus, zu verschweigen, wo es sich um "die falschen Täter" handle.

Ein "Muster der Selektivität" bei der Berichterstattung und Bewertung gewalttätiger Politik ortet Chomsky denn von Lateinamerika über den Nahen Osten bis hin nach Afghanistan. Allein die Definition von Terrorismus, wie man sie in US-Armeehandbüchern finde, stelle ein grundlegendes Problem für die Eklektiker dar: Wollte man diese Definition nämlich anwenden, "würde man zur ,falschen' Schlussfolgerung kommen, dass die USA der führende terroristische Staat in der Welt sind", dass "Terrorismus vorwiegend eine Waffe der Starken gegen die Schwachen ist".

Die Selektivität der Medienvertreter lasse sich jedenfalls nicht mit mangelndem Zugang zu Dokumenten erklären, betont Chomsky. Zwar scharfer Kritiker der US-Politik, erkennt er doch an, dass kaum ein anderes Land eine so große Informationsfreiheit zulasse. Worüber also berichtet werde, welche Taten in die offizielle Geschichte des Terrorismus eingehen, "ist eine Frage der Wahl".

Von STANDARD-Mitarbeiterin Brigitte Voykowitsch
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