"Was hättet ihr unter Hitler gesagt?"

28. November 2001, 22:15
14 Postings

Terror und Toleranz: Philosoph Slavoj Zizek im STANDARD-Interview

Foto: Archiv
WEB-TIPP:
Zizek @ lacan.com
Die Sehnsucht nach gewalttätiger Authentizität und die heuchlerischen Facetten multikultureller Toleranz im Schatten des 11. September: Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek unterwandert im Gespräch mit Sabine Reul und Thomas Deichmann einmal mehr politisch korrekte Denkmuster, wenn es um die Frage geht, was sich in unserer Welt wirklich ändert.


STANDARD: Ihre beiden nun auch ins Deutsche übersetzten Bücher Die Tücke des Subjekts und Die gnadenlose Liebe handeln von der Krise des Subjekts und der Politik. Werfen die Ereignisse vom 11. September ein neues Licht auf Ihre Diagnose?

Slavoj Zizek: In beiden Büchern beschäftige ich mich stark mit dem, was wir als Digitalisierung oder Virtualisierung der Wirklichkeit bezeichnen. Zwar haben 60 Prozent der Menschen auf dieser Erde noch nie ein Telefon benutzt. Trotzdem leben etwa 30 Prozent von uns in einem digitalisierten Universum, das künstlich konstruiert, manipuliert und nicht mehr naturhaft oder traditionell ist.

Man kann es ironisch fassen: In allen Bereichen haben wir zunehmend das Ding ohne sein Wesen. Wir haben Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, virtuellen Sex ohne Sex. Nun haben wir auch virtuelle Wirklichkeit: Realität ohne Realität, gänzlich reguliert und dinghaft. Aber die Sache hat eine Kehrseite: In unserem Universum toter Konventionen muss die einzig wirklich authentische Erfahrung ein äußerst gewaltsames, erschütterndes Erlebnis sein. Dann haben wir das Empfinden, wieder im wirklichen Leben angekommen zu sein.

STANDARD: Ist es das, was wir gerade erleben?

Zizek: Es hat vielleicht das gesamte 20. Jahrhundert definiert, das wirklich mit dem Ersten Weltkrieg begann. Denken Sie nur an die Kriegsberichte von Ernst Jünger, in denen er die Erfahrung des direkten physischen Kampfes als authentisch zeichnete. Damit die Erfahrung authentisch wird, muss sie extrem gewaltsam sein.

Emblematisch ist für mich in diesem Sinn auch der so genannte "cutter", eine in den USA weit verbreitete pathologische Erscheinung. Es sind meist Frauen, aber auch Männer, die sich mit Rasierklingen schneiden. Das hat nichts mit Masochismus oder Selbstmord zu tun. Sie fühlen sich einfach als Personen nicht real, und die Idee ist, nur durch den Schmerz und wenn warmes Blut fließt, fühlt man sich wieder als Teil des Lebens. Vor diesem Hintergrund kann man auch die Erfahrungen der letzten Wochen sehen.

STANDARD: Sie haben in einem Artikel geschrieben, die Terroristen seien nicht irgendwo da draußen, sondern Teil unserer Zivilisation.

Zizek: Die populäre These von Huntington und anderen über den so genannten Kampf der Kulturen lehne ich ab. Der heutige Rassismus ist genau dieser Rassismus der kulturellen Differenz. Er sagt nicht: Ich bin besser als ihr, sondern: Ich will meine Kultur, und ihr könnt eure haben. Genau das sagt heute jeder Rechte.

Nach Schätzungen des FBI gibt es in den USA heute mindestens zwei Millionen radikale Rechtsextreme. Sie sind zum Teil recht gewalttätig, töten Ärzte, die Abtreibungen durchführen; ganz zu schweigen vom Bombenattentat in Oklahoma City. Terrorismus ist ein Phänomen unserer Zeit, das sich nicht einer einzelnen Zivilisation zuschreiben lässt.

STANDARD: Er ist nicht nur ein islamisches Problem?

Zizek: Die Frage ist, warum der terroristische Aspekt des Islam heute wieder auftritt. Die Spannung zwischen fundamentalistischer Gewalt und Toleranz entsteht innerhalb von Zivilisationen, nicht zwischen ihnen.

Auf CNN sahen wir Präsident Bush, wie er den Brief eines siebenjährigen Mädchens verlas, dessen Vater Pilot und nun in Afghanistan im Einsatz ist. Sie schrieb, sie liebe ihren Vater, aber wenn ihr Land ihn brauche, sei sie bereit, ihn für ihr Land zu opfern. Bush sagte, dies sei ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus. Stellen wir uns das Gleiche mit einem afghanischen Mädchen vor. Sofort würden wir sagen: Was für ein Fundamentalismus, was für eine Manipulation kleiner Kinder. Aber das, was uns an anderen schockiert, tun wir selbst in gewisser Weise ebenso.

STANDARD: Multikulturelle Toleranz und Fundamentalismus - zwei Seiten einer Münze?

Zizek: Gegen Toleranz ist natürlich nichts einzuwenden. Aber ist es nicht symptomatisch, dass der Multikulturalismus genau in dem historischen Moment explodierte, als die letzten Spuren der Arbeiterpolitik aus dem politischen Raum verschwunden waren? Für viele ehemalige Linke ist der Multikulturalismus eine Art Ersatz-Arbeiterpolitik. Wir wissen nicht einmal, ob die Arbeiterklasse noch existiert, also reden wir über die Ausbeutung anderer.

Ist es nicht traurig und tragisch zugleich, dass heute rechte Populisten die einzige relativ starke politische Bewegung sind, die noch direkt die Arbeiterklasse anspricht?

STANDARD: Sie halten die multikulturelle Toleranz also für heuchlerisch?

Zizek: Häufig ist sie es in dem Sinn, dass das Andere, das sie toleriert, bereits ein reduziertes Anderes ist. Das Andere ist in Ordnung, wenn es um Essen, Kultur und Tänze geht. Was ist mit meinen Freunden, die sagen, wir müssen den Buddhismus respektieren? Wie halten sie es mit alten buddhistischen Bräuchen, also etwa dem, dass, wenn ein Mann stirbt, seine Frau verbrannt wird? Wie respektieren wir das? Diese Vorstellung der Toleranz maskiert jedoch vor allem die Intoleranz.

Wenn Leute mich fragen, wie kann man sicher sein, dass man kein Rassist ist, antworte ich: Es gibt nur einen Weg - wenn ich mit Angehörigen anderer Gruppen Beleidigungen und schmutzige Witze austauschen kann und wir dabei beide wissen, dass es nicht rassistisch gemeint ist. Dieses politisch korrekte Spiel hingegen - oh, ich respektiere dich, wie interessant sind deine Gebräuche -, ekelhaft!

STANDARD: Was empfinden nun Sie angesichts des Kriegs in Afghanistan?

Zizek: Die Vorstellung, dass nun das reichste Land der Erde eines der ärmsten bombardiert, ist zutiefst beunruhigend und tragisch. Das erinnert mich an den bekannten Witz über den Idioten, der im Dunkeln seinen Schlüssel verliert und ihn unter der nächsten Laterne sucht. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er: Ich weiß, ich habe ihn dort verloren, aber hier lässt es sich besser suchen.

Aber auch die Linke hat mich zutiefst enttäuscht. Der Rückzug auf diese sichere pazifistische Einstellung - Gewalt gebiert immer mehr Gewalt, gebt dem Frieden eine Chance - ist abstrakt und greift hier nicht. Zunächst einmal ist das keine universelle Regel. Ich frage meine linken Freunde, die dieses Mantra vortragen: Was hättet ihr unter Hitler gesagt? Hättet ihr da auch gesagt, wir können keinen Widerstand leisten, weil Gewalt nie hilft? Es ist einfach eine Tatsache: Es gibt einen Punkt, da muss man kämpfen. Hier liegt für mich nicht das Problem, sondern darin, dass dieser Krieg nie die Lösung sein kann.

Wir stehen also vor der Herausforderung, unsere Koordinaten zu überdenken. Ich hoffe, wir nützen die Chance, nicht weiter immer das Gleiche zu tun, sondern darüber nachzudenken, was sich in unserer Welt wirklich ändert.

Am Donnerstag um 19.00 Uhr eröffnet Slavoj Zizek mit einem Vortrag die Ausstellung "100 Jahre Jacques Lacan" im Sigmund-Freud-Museum, Berggasse 19, 1090 Wien.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2001)
Share if you care.