Nepal bittet um Hilfe gegen die maoistischen Rebellen

28. November 2001, 22:19
posten

Nach 8 Tagen Pause begannen Attacken gegen Armee

Kathmandu/Wien - Buddhi Sagar Tripathi traute seinen Augen nicht: "Tausend bewaffnete ,Maos' greifen an!", funkte das Distrikthauptquartier in Salleri-Bazar Sonntagnacht um 22 Uhr. "Gegen Mitternacht kamen schrille Schreie aus dem Funkgerät", berichtet Him Gurung, der stellvertretende Polizeikommandeur für die Ostprovinzen Nepals: "Wir werden von allen Seiten angegriffen!" Dann brach die Verbindung ab.

Distriktverwaltungschef Buddhi Sagar ist tot. Mit ihm starben in Salleri mindestens 27 Polizisten, vier Soldaten und eine unbekannte Zahl von Zivilisten. Die "Maos" räumten zwei Millionen Rupien aus den Kassen der Agrarbank und befreiten 26 Häftlinge aus dem Gefängnis. Doch ihr Versuch, die Armeekaserne zu stürmen, schlug fehl.

Seit bald sechs Jahren fordert die "Communist Party (Maoists)" soziale und politische Anliegen mit Waffengewalt ein. Bilanz: fast 2000 Tote. Widersacher behandeln die "Maos" mit harter Hand, ja Brutalität. Bei der Bevölkerung haben sie sich aber vielfach eine Art Robin-Hood-Image erworben. Am erfolgreichsten sind sie dort, wo die miserabelsten Lebensbedingungen herrschen.

Eine Regierungsumbildung im Juli machte es möglich: Ministerpräsident Sher Bahadur Deuba, ein ehemaliger Stipendiat der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung, erreichte nur eine Woche nach seinem Amtsantritt einen Waffenstillstand nach fünfjährigem "Volkskrieg" und Friedensgespräche. Die "Maos", die 1996 mit einem radikalen 40-Punkte-Forderungskatalog angetreten waren (weitreichende Landreform, Ende der engen Beziehungen mit Indien, Stopp der ausländischen Entwicklungshilfe, keine Rolle mehr für die königliche Familie), haben seither viele ihrer Forderungen abgeschwächt und die nach Abschaffung der konstitutionellen Monarchie zurückgezogen. Sogar eine Rückkehr der KP-Abspaltung ins parlamentarische System schien nicht ausgeschlossen. Dafür verlangten sie Reformen im Rahmen einer verfassunggebenden Versammlung, was die Regierung ablehnte. Das war der Stand der Dinge, als die Delegationen am 13. November auseinander gingen. Ende des Monats wollte man zu einer neuen Runde zusammenkommen.

Die ist nun in weite Ferne gerückt. Nach acht Tagen Verhandlungspause veröffentlichten die "Maos" plötzlich ein Kommuniqué, wonach es keinen Sinn mehr mache, den Waffenstillstand einzuhalten. Weitere 48 Stunden später begannen sie mit Attacken an mehr als zwei Dutzend Orten und griffen dabei erstmals auch direkt die Armee an. Gleichzeitig riefen sie in ihrer Hochburg Dong Dung (Rolpa Distrikt) eine "Zentrale Volksregierung" aus und ließen Kathmandu durch ihren Chefideologen, Baburam Bhattarai, ausrichten, dass man zwar noch immer an der Suche nach friedlichen Lösungen interessiert sei, dass aber verschiedene "Verschwörungen" sowie "antinationale Provokationen" zu dieser Offensive zwängen.

In der Tat: Eine Rückkehr der "Maos" in den demokratischen Prozess passt weder der kommunistischen Opposition, die dadurch ihre Stellung gefährdet sieht, noch war der Verhandlungskurs Bahadur Deubas in seiner eigenen Congress-Partei unumstritten, wo sein Rivale und Amtsvorgänger Koirala eine unnachgiebigere Gangart gegenüber den Aufständischen verlangte.

USA erwägen Unterstützung

Die USA erwägen, den Kampf der nepalesischen Regierung gegen die maoistischen Rebellen zu unterstützen. Die Washingtoner Regierung stehe in engem Kontakt mit Kathmandu, sagte US-Außenamtssprecher Richard Boucher am Mittwoch. "Ich kann derzeit über keine bestimmten Schritte zur Unterstützung sprechen, aber wir haben laufend Kontakt zu Nepal und Nepals Militär." Boucher erklärte, die USA unterstützten die Bemühungen Nepals, "seine Bürger und Beamte zu schützen". (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2001)

Die Regierung Nepals bittet das Ausland um Militärhilfe bei der Bekämpfung maoistischer Rebellen. Seit Montag wurden nach Angaben des Innenministers 55 Aufständische getötet. Bei Angriffen der Rebellen waren am Wochenende mindestens 100 Menschen getötet worden.

Von STANDARD-Mitarbeiter Robert Lessmann

Share if you care.