"Kein Platz mehr für die Taliban"

28. November 2001, 22:37
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Anwar-ul-Haq Ahadi, der Präsident der Sozialdemokratischen Partei Afghanistans im STANDARD-Interview

Bonn - Anwar-ul-Haq Ahadi ist Präsident der Sozialdemokratischen Partei Afghanistans. Er lebt seit 22 Jahren im Exil in den USA. Ahadi ist Mitglied der dreiköpfigen Delegation der Peschawar-Gruppe, eines von Pakistan unterstützten Bündnisses der Paschtunen, bei der Konferenz auf dem Petersberg.

STANDARD: Ist es möglich, sich noch diese Woche zu einigen?

Ahadi: Ich hoffe. Ich bin optimistisch. Es gibt kein Thema, über das man sich nicht einigen könnte. Alle zeigen Flexibilität und wollen eine Übereinkunft erreichen. Wir stehen unter internationaler Beobachtung. Das ist eine Chance für uns, Frieden zu schließen. Es hat sich viel geändert in letzter Zeit. Die internationalen Kräfte haben bisher auch nicht ernsthaft Druck ausgeübt.

STANDARD: Wie können Nachbarländer überzeugt werden, keinen Druck auszuüben?

Ahadi: Es ist im besten Interesse Afghanistans, gute Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu haben. Pakistan, Iran. Aber hier geht es um ein anderes Prinzip. Ich will nicht, dass sich einer der Nachbarn in die Gespräche jetzt einschaltet. Auch Pakistan nicht.

STANDARD: Wurde über die Taliban gesprochen?

Ahadi: Es ist allgemeiner Konsens, dass es keinen Platz mehr gibt für die Taliban.

STANDARD: Welche Rolle soll Exkönig Zahir Shah künftig spielen?

Ahadi: Der König ist eine sehr populäre Figur in Afghanistan. Wir haben kein Problem damit, dass er eine Übergangsregierung anführt oder Staatsoberhaupt für eine Übergangsperiode wird. Auch die Rom-Gruppe und die Zypern-Gruppe unterstützen ihn. Ich habe den Eindruck, dass ihn auch die Nordallianz akzeptiert. Aber es ist eine Sache, den König als Führer in einer Übergangsperiode anzuerkennen, eine andere Sache ist, ihm die komplette Macht zu geben, um über die restliche Regierung zu entscheiden. Die anderen Gruppen wollen Einfluss auf die Zusammenstellung der Regierung.

STANDARD: Wie verhält sich die Nordallianz?
Ahadi: Sehr flexibel und vernünftig.

STANDARD: Werden auch Frauen einer neuen Regierung angehören können?

Ahadi: Warum nicht? Ich wäre glücklich darüber. Auf jeden Fall müssen wir jetzt das Recht auf Bildung und Arbeit sowie die Teilhabe an der politischen Mitbestimmung für Frauen erreichen.

STANDARD: Ein wichtiges Thema hier ist die Sicherheit. Wie soll eine multinationale Friedenstruppe aussehen?

Ahadi: Wir sind der Meinung, es ist notwendig, internationale Truppen zu haben, um die Übergangsregierung in Kabul zu halten und ihr die Arbeit zu ermöglichen. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist, die internationalen Truppen in den Rest von Afghanistan zu entsenden oder ob nicht Kabul ausreicht.

STANDARD: Welche Art von Truppe? Nur aus islamischen Ländern?

Ahadi: Ich will niemanden ausschließen, aber ich glaube, dass es wahrscheinlich leichter und akzeptierter ist, wenn das Kräfte aus muslimischen Ländern sind. Und zwar von solchen muslimischen Ländern, die keine politischen oder anderen Interessen in Afghanistan verfolgen: Türkei, Indonesien, Bangladesch, Jordanien. Aber darüber haben wir im Detail noch nicht gesprochen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2001)

STANDARD- Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Bonn
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