USA bereiten Angriff auf Kandahar vor

28. November 2001, 19:37
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Taliban-Hochburg sturmreif geschossen - 40 mögliche Produktionsstätten von Chemiewaffen entdeckt

Washington/Kandahar - Mit massiven Luftangriffen haben US-Kampfflugzeuge am Mittwoch die letzte große Taliban-Bastion Kandahar sturmreif geschossen. US-Bodentruppen intensivierten zugleich die Suche nach Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar und dem Terroristenführer Osama Bin Laden. Zwei Gebäudekomplexe, in denen sich Omar aufgehalten haben könnte, wurden gezielt bombardiert.
Der Taliban-Chef soll aber unversehrt geblieben sein. Omar habe sich zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in dem Gebäude befunden, behauptete der frühere Taliban-Botschafter Abdul Salem Zaeef gegenüber der Nachrichtenagentur AIP. Flüchtlinge berichteten, der amerikanische Bombenhagel habe in Kandahar ein Chaos ausgelöst. Lagerhäuser und verwaiste Polizeiwachen seien geplündert worden.


Al-Qa'ida flüchtet

US-Kommandant Tommy Franks, sagte, er habe Hinweise dafür, dass Al-Qa'ida-Mitglieder versuchen wollten, Kandahar zu verlassen. Bisher fanden die USA nach eigenen Angaben mehr als 40 Einrichtungen in Afghanistan, in denen Gefolgsleute von Bin Ladens Organisation Al-Qa'ida den Bau von Massenvernichtungswaffen versucht haben könnten. Franks sagte, die Stätten befänden sich in der Hand von Anti-Taliban-Kräften. Es werde nun überprüft, ob dort an atomaren, biologischen und chemischen Waffensystemen geforscht wurde.


AI will Untersuchung

Der zu Wochenbeginn errichtete Stützpunkt der US-Marineinfanterie im Süden Afghanistans wurde indes kontinuierlich ausgebaut. US-Sonderkommandos intensivierten die Zusammenarbeit mit paschtunischen Stämmen, um den Angriff auf Kandahar vorzubereiten.

Der nordafghanische Kriegsherr Rashid Dostum besichtigte am Mittwoch die nach dreitägigem Aufstand ausländischer Taliban-Kriegsgefangener zurückeroberte Festung bei Mazar-e Sharif. Bei der Niederschlagung des Aufstands sind nach Angaben eines Nordallianz-Kommandanten wahrscheinlich alle 600 Gefangenen getötet worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) forderte eine Untersuchung des Blutbads. Die Gefangenen hatten am Sonntag, einen Tag nach ihrer Kapitulation in Kundus, ihre Wächter entwaffnet und sich einen erbitterten Kampf mit den von amerikanischen und britischen Spezialkommandos unterstützten Belagerern der Nordallianz geliefert. In Pakistan ist die Version der Nordallianz, wonach Waffen in das Gefängnis geschmuggelt worden seien, mit Skepsis aufgenommen worden. Die Tageszeitung Dawn äußerte den Verdacht, die Nordallianz habe ein Massaker provoziert oder auch die Revolte bewusst nicht unter Kontrolle gebracht, um die Gefangenen anschließend zu töten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2001)

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