Wie Raubtiere in der Shoppingmall

28. November 2001, 13:48
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Der Trend des kollektiven Dauershoppings als Freizeitvergnügen verändert weltweit die gebaute Umwelt

Der Trend des kollektiven Dauershoppings als Freizeitvergnügen verändert weltweit die gebaute Umwelt: Die Einkaufswut befeuert eine Baumaschinerie, die mit herkömmlichen Architekturkriterien nicht mehr messbar ist.


Shopping, meinte der holländische Architekt Rem Koolhaas am Montag in einem Vortrag an der Akademie der bildenden Künste in Wien, würde unsere gesamte Kultur mittlerweile nachhaltiger prägen als jedes andere gesellschaftliche Phänomen.

Nicht nur zur Vorweihnachtszeit, sondern mittlerweile zu jeder Jahreszeit wird eingekauft auf Teufel komm raus, und diese weltweite Wut, quasi zum Zeitvertreib Geld auszugeben, wird zu einem der bestimmenden Faktoren für die gebaute Umwelt und für die Städte, in denen wir leben. Vor allem in deren Randzonen entstehen - architektonisch betrachtet fast immer unkontrolliert und quasi sich selbst rasch und vermeintlich ungeplant organisierend - Einkaufskonglomerate enormer Größenordnung: Geschäfte, Märkte, Buden klumpen sich zu kaum überschaubaren Einkaufsvorstädten. Die Shopping-Erlebniswelten werden vom kleinsten gemeinsamen Nenner, dem Publikumsgeschmack, geformt, doch auch ganzheitlich konzipierte Malls unterliegen dauernder Veränderung.

Die Geschwindigkeit des Marktes wird hier zu einem formgebenden Element, der Shop und sein nährender Shoppingzentrumsorganismus müssen schließlich auf ständig neue Trends fast so schnell reagieren wie auf die heutzutage so beweglichen Aktienmärkte. Geschäfte tauchen auf und verschwinden wieder, andere bleiben wie Felsen in der Brandung der Einkaufsmassen und Wirtschaftskräfte bestehen. Nach Koolhaas' Überzeugung dient überhaupt die überwiegende Mehrheit all dessen, was heutzutage gebaut wird, in irgendeiner Weise der Tätigkeit des Kaufens und Verkaufens, und wenn die Architektur vom großen Shopping-Trubel mitgerissen werden will, dann muss sie, so der Holländer, ihre altbewährten traditionellen Terminologien schleunigst zu Hause lassen.

In seinem demnächst erscheinenden Buch zum Thema, dem "Harvard Guide to Shopping", heißt es: "Im Ökosystem des Shoppings, wo ständig neue Spezies gezüchtet und geboren werden, sich anpassen, mutieren, altern und sterben, bewegen sich die Einkäufer mit wachen Sinnen wie beutesuchende Tiere durch die Korridore und Shops, stets auf der Suche nach Essen, Kleidung und Spielzeug. Die Geschäftsinhaber verteidigen und kämpfen für ihre Territorien, während die Shopper ständig auf der Suche nach besseren Jagdgründen sind, mit größerem Angebot und mit niedrigeren Preisen."

Koolhaas sieht diese Jagdlust allerdings genau so mit umgekehrten Vorzeichen, wenn er meint, dass sich heute viele Institutionen wie etwa Museen, Bibliotheken und andere Kulturorganisationen zu regelrechten Shoppingbetrieben mausern, die ihrerseits vom Kauftrend profitieren wollen. Der Museumskonzern Gugging finanziert sich beispielsweise zu einem Gutteil über Museumsshops, und eine der wichtigsten Architekturen des 20. Jahrhunderts, der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe, ist zu einem Mies-Reliquienladen mutiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2001)

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