Der ideale Einstellbetrieb

28. November 2001, 11:20
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Gibt es ihn überhaupt, den idealen Einstellplatz? Und wie kann man ihn finden? Pferderevue-Redakteurin Andrea Kerssenbrock und Dr. Silvia Huber geben hilfreiche Tips zum ewig aktuellen Thema. Erschienen in Pferderevue 11/2001, S. 8–11

Pferdebesitzer können in der Regel ein Lied davon singen: Die Suche nach einem Reitstall, der allen Bedürfnissen von Roß und Reiter genügt, gleicht der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.
Kompromisse sind nahezu immer vonnöten. Eigentlich schade, wenn man bedenkt, daß ein Turnierpferd den Amateurreiter oder die -reiterin gut und gerne 100.000,– Schilling im Jahr kostet (Tierarzt, Trainer, gefahrene Kilometer, Karotten, Trinkgeld für den Pfleger usw. eingeschlossen).
Oft birgt eine voreilige Wahl ein großes Frustpotential: Etwa, wenn uns im Winter die 30 oder mehr Kilometer lange Anfahrt zum Stall im abendlichen Berufsverkehr den letzten Nerv zieht. Wenn man dann in den Stall kommt, die Box schlecht ausgemistet ist und das Pferd in einer Urinlacke steht, sinkt die Laune endgültig gegen den Nullpunkt. Da kein Pfleger weit und breit zu sehen ist, säubert man die Box selber. Danach stellt man fest, daß keine Strohballen in der Stallgasse liegen. Verdrossen holt man selber einen vom Dachboden. Schwitzend, staubig und voll mit pieksenden Strohhalmen beendet man soeben sein Werk, als der Reitstallbesitzer wutschnaubend zur Box kommt, um zu erklären, der Betrieb sei kein Selbstbedienungsladen. Das darauffolgende Wortgefecht artet in einen Streit aus und man schwört sich, bei nächster Gelegenheit auszuziehen.
Der Reitstallbesitzer sieht sich mißverstanden und findet, daß sein Kunde maßlos übertreibt. Und überhaupt – wo käme er hin, wenn jeder sich ohne zu fragen nimmt, was er braucht.
Schließlich muß er den Betrieb rentabel führen. Denn – auch eine leere Box kostet Geld. Der Pferdepfleger verdient nicht weniger, wenn Plätze frei sind. Und das Hallenlicht leuchtet auch nicht auf Sparflamme – egal, ob ein Pferd darin geritten wird oder ein Dutzend.
Allzu oft kommt es auch unter den Einstellern zu Mißtönen. Etwa wenn ein Springreiter in einen Dressurstall zieht oder wenn sich der Neuzugang als unerzogener Hengst entpuppt. Von menschlichen Eifersüchtelein und Rangelein gar nicht zu reden.
Für alle Beteiligten tauchen immer wieder Fragen auf, an die man anfangs nicht im entferntesten denkt. Hier sorgt eine klar definierte Betriebsordnung für Abhilfe. Und ein durchdachter Einstellungsvertrag in schriftlicher Form hält die Pflichten beider Vertragspartner fest.

Rechtliches

Der Einstellvertrag hat, ist er einmal unterschrieben, eine rechtmäßige Gültigkeit. Er sollte deshalb äußerst gewissenhaft gelesen, gegebenenfalls überschlafen und mit einer zweiten Person (eventuell Anwalt) Punkt für Punkt durchgegangen werden. Zum Zeitpunkt der Unterfertigung eines Vertrages gehen ja noch beide Vertragsseiten davon aus, sich einig zu sein. Von späteren Unstimmigkeiten ist keine Rede.
Ein vom Präsident des Tiroler LFV, Dr. Peter Lechner, empfohlener Mustervertrag sieht folgende sechs Punkte vor: Pflichten des Betriebes; Pflichten des Einstellers; Beginn und Dauer; Haftung; Zurückbehaltungsrecht; Sonstige Bestimmungen. Wenden wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem unter Punkt fünf angeführten Zurückbehaltungsrecht zu. Dieses besagt nichts anderes, als daß der Reitstallbesitzer im Falle eines Zahlungsverzuges ermächtigt ist, eine Exekution in die Wege zu leiten. Ist dies ersteinmal geschehen, übernimmt das zuständige Gericht die weitere Gebarung. Ein Sachverständiger, der den Wert von Tier und Ausrüstung schätzt, erstellt ein Gutachten und den Schätzwert. Die Hälfte des Schätzwerts ist der Ausrufungspreis, der zugleich auch den Mindestpreis für das Pferd und/oder die Ausrüstung darstellt.
Häufiger findet der Pferdebesitzer in seinem Vertrag jedoch das Wort Verkaufsrecht. Dieses stellt für den Betrieb ein nicht unwesentliches Risiko dar. Der Pferdebesitzer unterschreibt damit zwar eine Verkaufsvollmacht, kann aber bei zu geringem Erlös den Verkäufer klagen, der dann seinerseits einen Sachverständigen beauftragen muß.
Ebenfalls sind die Kündigungsfrist und die Reservierungsgebühren bei Abwesenheit des Pferdes häufige Streitpunkte. Ein vereinbarter Kündigungsmonat ist zwar grundsätzlich einzuhalten, umgekehrt stellt sich aber die Frage, ob es in Einzelfällen nicht besser ist, sich gleich zu trennen. Aber es kann auch zu unvorhergesehenen Situationen (Verletzung, Krankheit, Beruf,…) kommen. Deswegen empfiehlt es sich, die Höhe eines Abstandshonorares schon vorher zu vereinbaren, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden.
Die Formulierung, dem Pferd stünde "eine angemessene Ration an Kraftfutter" zu, zieht nicht selten die Frage, wer die Futtermenge denn nun bestimmt, nach sich. Die Gewährleistung des Einstellers, daß sein Pferd "nicht von einer ansteckenden Krankheit befallen ist", dient der sogenannten Beweislastumkehr. Das heißt, daß im Falle einer Krankheit der Einsteller beweisen muß, daß sein Pferd gesund war.
Wem dies alles zu kompliziert ist, der zieht oft den ebenfalls gültigen Handschlag vor. In vielen Freizeitställen verzichtet man auf den Papierkram. Man verträgt sich mal mehr, mal weniger, zieht aus und kommt wieder zurück. Manche finden immer ein Haar in der Suppe, andere kommen überall zurecht.

Der Überraschungsgast

Nichts macht im bezug auf einen Einstellstall so sicher wie die eigene Beobachtung. Vertrauen ist eine unabdingbare Voraussetzung. Deswegen empfiehlt es sich, dem Stall mehrmals einen Besuch abzustatten, bevor man sein Pferd dort tatsächlich unterbringt. Der Pferdebesitzer muß sich darauf verlassen können, daß der Einstellbetrieb mit gut geschultem Personal arbeitet, daß die Informationsflüsse zwischen den Betreuern stimmen und daß er verständigt wird, sollte es einmal irgendein Problem geben.
Pferdebesitzer sind ein Wandervolk. Sie wechseln die Ställe, treffen sich bei Turnieren, am Stammtisch, beim Reiten. Schlecht gemistete Boxen, ständige Unglücksfälle, miserable Anlagen – das alles sind Umstände, die einen Betrieb rasch "ins Gerede" bringen. Dennoch sollte man sich auch durch solches Gerede nicht von einem persönlichen Besuch des Betriebes abhalten lassen: Information aus erster Hand ist allemal besser als solche aus zweiter oder gar nur dritter Hand – und Dinge können sich rasch ändern, wenn neues Personal oder ein neuer Betreiber in dem in Verruf geratenen Stall arbeiten. Daher unser dringender Rat: Schauen Sie sich den Stall selbst an – am besten öfter!

Mit Pferde- und mit Menschenaugen

Viele Pferdebesitzer betrachten die Stallungen mit Menschenaugen. Bei der Stallbesichtigung bestechen Messingbeschläge und blankpolierte Böden das menschliche Auge. Bei der Beurteilung von Sanitäranlagen, Sattelkammer und Reiterstüberl werden dem vierbeinigen Gefährten zuliebe Abstriche im persönlichen Komfort hingenommen. Wer gut wählen will, sollte den umgekehrten Weg gehen. Die eigenen Bedürfnisse nach Umkleidemöglichkeit, Kommunikationsräumen oder beheizter Sattelkammer dürfen ruhig ernstgenommen werden. Den Stall aber sollte man aus Pferdesicht zu beurteilen versuchen. Würde es erschrecken, wenn es diesen Stall betritt? Würde es auf diesem Putzplatz tänzeln? Gibt es eine Herdenkonstellation, in der es sich wohlfühlen würde?
Gelingt es, die Zufriedenheit am Einstellplatz zu erlangen, dann ergibt sich für Einsteller wie Stallbetreiber eine befriedigenden Situation, in welcher der eine gerne zahlt und der andere gut leben kann.
Es sollte Ihnen klar sein, daß es keine allgemeingültigen Regeln gibt, was einen guten Einstellplatz ausmacht. Sie müssen entscheiden, was für Sie und Ihr Pferd wichtig ist. Je mehr Sie im Vorfeld abklären, umso kleiner werden die Konfliktfelder. Und umso zufriedener ist Ihr Pferd.
Andrea Kerssenbrock/Dr. Silvia Huber

Checkliste
Was Sie fragen sollten
… wenn Sie einen Einstellbetrieb ernsthaft ins Auge gefaßt haben.

  • Futter: Wann, was, wie und von wem wird gefüttert? Werden individuelle Futterwünsche berücksichtigt? Dürfen im Stall Leckerbissen verfüttert werden? Dürfen Pferdebesitzer eigenes Futter im Stall verfüttern?
  • Offenstallhaltung: Wie kommen rangniedrigere Pferde zu ihrer Futterration?
  • Betreuung: Wer macht die Stallarbeit? Wechseln die Stallarbeiter? Wer garantiert die Informationsweitergabe zwischen den Betreuern? Wer kann allfällige kleine Reparaturen erledigen?
  • Stallpflege: Welche Einstreu wird verwendet? Wann wird ausgemistet? Wie oft wird die ganze Box geräumt?
  • Putz- und Waschplatz: Wo werden die Pferde geputzt? Gibt es einen Waschplatz? Wo gibt es Zugang zu Wasser? Gibt es Warm- und Kaltwasser?
  • Sattelkammer: Gibt es versperrbare Schränke? Ist sie im Winter beheizt? Gibt es einen Erste-Hilfe-Schrank?
  • Koppelgang: Wie oft, wann und wie lange kommen die Pferde auf die Koppel? Wie werden sie auf die Koppel gebracht und zurückgeholt (geführt, laufen gelassen,...)? Wie wird die Herde zusammengesetzt? Gibt es auch bei Schlechtwetter Koppelgang? Bleiben die Pferde manchmal auch nachts draußen?
  • Ausreiten: Welche Ausreitmöglichkeiten gibt es? Bestehen Reitverbote? Muß eine Reitmarke gelöst werden und wie teuer ist sie?
  • Anlagen: Welche Anlagen und welches Equipment sind vorhanden? Gibt es gesonderte Benutzungseinschränkungen (Reitschulbetrieb, Kurse, Turniere,...)?
  • Krankheit/Pflege: Welche Tierärzte/ Hufschmiede/Kliniken gibt es in der näheren Umgebung? Werden allfällige Medikamentengaben vom Einstellplatzanbieter übernommen? Zu welchen Konditionen (Aufpreis)? Gibt es einen verfügbaren Pferdetransporter im Stall?
  • Menschliches Wohlbefinden: Welches Service bietet der Betrieb (Toiletten, Umkleideraum, Dusche, Reiterstüberl, Verpflegung, Parkplätze,...)?
  • Einstellplatzvermieter: Wo liegt der Schwerpunkt des Stalles (Westernreiten, Springreiten, Parelli-Ausbildungen,...)? Gibt es die Möglichkeit bei Bedarf (z.B. für Besucher) ein Pferd dazuzumieten? Kann ein Pferd in Beritt gegeben werden?
  • Zahlungsmodalitäten: Wann und wie wird die Einstellgebühr bezahlt? Gibt es Extra-Kosten (Kraftfutter, versperrbarer Schrank,...)?
  • Hundebesitzer: Dürfen Hunde in den Stall mitgebracht werden?
  • Sonderregelungen: Gibt es weitere erwähnenswerte Regeln des Hauses (Ruhetage, Trainerwahl, Vereinsgepflogenheiten...)?

    Worauf Sie schauen sollten

  • Box: Die Box soll der vorgeschriebenen Norm entsprechen und ausbruchsicher sein.
  • Offenstall: Der Offenstall sollte allen Pferden ausreichend Unterstellmöglichkeit bieten. Sind die Pferde mit zahlreichen Blessuren übersät, fragen Sie nach dem Grund!
  • Sattelkammer: Sie soll gepflegt, geräumig, luftig und beheizbar sein. Lassen Sie sich Ihren zukünftigen Platz zeigen.
  • Koppeln: Achten Sie auf Lage, Größe, Anzahl und Beschaffenheit der Koppeln. Wichtig ist auch die Stabilität der Koppelzäune. Machen Sie mögliche Verletzungsgefahren ausfindig.
  • Futtermittel: Lassen Sie sich die – gesicherte – Futterkammer zeigen und werfen Sie einen Blick auf das Heu und das Stroh im Stall.
  • Pferde: Achten Sie auf den Zustand der anderen Pferde. Wirken sie gut genährt, gelassen und zufrieden? Lassen Sie sich von einem schlecht genährten oder übellaunigen Pferd nicht beeindrucken, aber ziehen Sie ihre Schlüsse aus dem kollektiven Verhalten.
  • Anlagen: Sehen die Anlagen gepflegt und gewartet aus? Sind sie ausreichend beleuchtbar und sind die Böden für Ihre Arbeit tauglich?
  • Wohlbefinden: Welchen Eindruck macht der oder die EinstellplatzbesiterIn auf Sie? Auch der Umgang der anderen ReiterInnen miteinander sollte Ihnen entsprechen.

    Was Sie noch tun sollten

  • Schauen Sie sich einen Einstellplatz nicht nur einmal an. Besuchen Sie ihn zu verschiedenen Tageszeiten. Bei Tageslicht läßt sich der Gesamteindruck der Anlage gut erkennen. Gibt es zahlreiche unbehobene größere und kleinere Schäden, läßt das auf die Genauigkeit schließen, mit der Ihr Pferd behandelt wird. Vielleicht schaffen Sie es, zur Fütterung zurechtzukommen und den Stall außerhalb der besuchsüblichen Zeit kennenzulernen. Abends bei Dämmerung oder Dunkelheit erkennen Sie, wie die Anlage beleuchtet ist und ob Sie sich auch abends dort bewegen möchten.
  • Versuchen Sie, mit anderen Einstellern ins Gespräch zu kommen. Lassen Sie sich nicht unbedingt von einer Einzelmeinung beeinflussen. Machen Sie sich aber aus mehreren Gesprächen ein Bild über den Stall und verschaffen Sie sich einen Eindruck, wie sympathisch Ihnen Ihre zukünftigen Einstellerkollegen sind.
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