USA bombardierten Kandahar sturmreif

28. November 2001, 14:29
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Chaos in letzter Taliban-Bastion - Intensive Fahndung nach Bin Laden - UNO für Einfrieren sämtlicher Taliban-Konten

Kabul/Washington/New York - Mit massiven Luftangriffen haben US-Kampfflugzeuge am Mittwoch die letzte große Taliban-Bastion Kandahar sturmreif geschossen. US-Bodentruppen intensivierten zugleich die Suche nach Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar und dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden. Mit Bomben belegt wurden u.a. zwei Gebäudekomplexe, in denen sich die beiden aufgehalten haben könnten.

Flüchtlinge berichteten, der amerikanische Bombenhagel habe in Kandahar ein Chaos ausgelöst. Lagerhäuser und verwaiste Polizeiwachen seien geplündert worden. US-Kommandant Tommy Franks, sagte, er habe Hinweise dafür, dass El-Kaida-Mitglieder versuchen wollten, Kandahar zu verlassen. Die Nachrichtenagentur South Asian Dispatch Agency meldete aus der belagerten Stadt unter Berufung auf einen stellvertretenden Taliban-Kommandanten, alle Soldaten und Funktionäre seien angewiesen worden, sich darauf einzustellen, jederzeit die Stadt zu verlassen.

Marines-Stützpunkt

Der zu Wochenbeginn errichtete Stützpunkt der US-Marineinfanterie im Süden Afghanistans wurde unterdessen kontinuierlich ausgebaut. US-Sonderkommandos intensivierten die Zusammenarbeit mit paschtunischen Stämmen, um den Angriff auf Kandahar vorzubereiten. Zu den Bombenangriffen auf mutmaßliche Verstecke Omars und Bin Ladens sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, man wisse nicht, wer dabei getötet worden sei. "Es war ganz klar eine Führungszentrale", erklärte er. Der ehemalige Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif, sagte der afghanischen Nachrichtenagentur AIP, weder Omar noch andere Taliban-Führer seien in den Gebäudekomplexen gewesen.

Amnesty fordert Untersuchung

Bisher fanden die USA nach eigenen Angaben mehr als 40 Einrichtungen in Afghanistan, in denen Gefolgsleute von Bin Ladens Organisation El Kaida den Bau von Massenvernichtungswaffen versucht haben könnten. Franks sagte, die Stätten befänden sich in der Hand von Anti-Taliban-Kräften. Es werde nun überprüft, ob dort an atomaren, biologischen und chemischen Waffensystemen geforscht worden sei.

Der nordafghanische Kriegsherr Rashid Dostum sagte bei einer Besichtigung der nach dreitägigem Aufstand ausländischer Taliban-Kriegsgefangener zurückeroberten Festung bei Masar-i-Scharif, möglicherweise lägen noch Selbstmordattentäter unter den Leichen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) forderte eine Untersuchung des Blutbads, bei dem nach jüngsten Angaben 450 Taliban-Söldner und bis zu 50 Kämpfer der Nordallianz getötet wurden. Die Gefangenen hatten am Sonntag, einen Tag nach ihrer Kapitulation in Kundus, ihre Wächter entwaffnet und sich einen erbitterten Kampf mit den von amerikanischen und britischen Spezialkommandos unterstützten Belagerern der Nordallianz geliefert.

Rot-Kreuz-Vertreter und Journalisten, die Mittwoch erstmals das Lager betraten, sprachen von einem "Blutbad" das sich hier zugetragen habe, sowie einer Szene "völliger Zerstörung".

UNO fordert Einfrieren der Gelder

Die UNO hat ihre Mitglieder aufgefordert, sämtliche Gelder von Taliban-Funktionären und Anführern des El-Kaida-Netzwerkes des islamischen Extremisten Osama bin Laden einzufrieren. Auf ihrer Webseite veröffentlichte die UNO eine aktualisierte Liste von mehr als 150 ranghohen Taliban sowie von Gruppen, die El Kaida finanzieren sollen oder selbst als terroristisch eingestuft werden. UNO-Generalsekretär Kofi Annan wird am Mittwoch in Washington zu Gesprächen mit US-Präsident George Bush über die humanitäre Katastrophe in Afghanistan erwartet. Die UNO koordiniert die internationalen Bemühungen, Lebensmittel, Unterkünfte und andere Hilfsmittel für Afghanistan zur Verfügung zu stellen. Es wird erwartet, dass die Weltbank und der Internationale Währungsfonds IWF eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau Afghanistans spielen werden.

Nach dem Raubmord an einem schwedischen Kameramann in Nordafghanistan haben etwa 40 Journalisten internationaler Medien die Region in Richtung Tadschikistan verlassen. In Afghanistan sind in den vergangenen Wochen nach bestätigten Angaben acht Journalisten ums Leben gekommen, dazu gab es mehrere Überfälle auf Reporter in dem Krisengebiet. (APA/AP/dpa/Reuters)

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