Elektron und Elektrifizierung

27. November 2001, 19:28
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Das Fleisch der Götter: "Gold der Pharaonen" im Kunsthistorischen Museum

Wien - Wilfried Seipel und sein Haus, das Kunsthistorische Museum, sind endlich ganz bei sich angekommen. Dafür winkt nun Edelmetall en masse. Jahrelang schürfte man innerasiatischen Reitervölkern und außereuropäischen Hochkulturen bei ihren Goldvorkommen hinterher.

Jetzt aber zeigen die Pharaonen selbst, wie sie sich einst mit Geschmeide behingen. Schließlich ist Seipel Ägyptologe. Zusätzlich zur Sonderausstellung hat man die bestehende Sammlung im Erdgeschoß umorganisiert, und dort, man glaubt es kaum, elektrisches Licht installiert. Generaldirektor Seipel legte dabei kräftig selbst Hand an.

Naturgemäß haben die Statuetten und Schmuckstücke, die Ringe, Armreife und Gürtel, einen gewissen Bezug zum menschlichen Körper. Die knapp 200 Exponate sind entsprechend ziemlich klein, passen allesamt in Vitrinen und fügen sich damit nicht recht in die imperiale Geschichte und Gegenwart des Hauses, die mehr ins Monumentale zielt. Also wurde der Museumsfassade ein Scheusal von Vorbau angeheftet, von dem herab nun die Mandelaugen eines alten Dynasten in Walfischgröße glotzen: PR-Arbeit in der Vollrechtsfähigkeit. Im Innern schimmern die Preziosen: ein kleines Goldgefäß, das aus dem Grab der Hetepheres stammt, die wiederum die Mutter von Cheops war, dem Pyramidenerbauer; ein Siegelring des Echnaton und ein zweiter der Nofretete, des königlichen Vorzeigepaars, das versuchte, den Ein-Gott-Glauben einzuführen und dabei womöglich Moses auf einige Gedanken brachte; die Mumienmaske eines, horribile dictu, Fötus, wahrscheinlich eines totgeborenen Kindes von Tutenchamun, der der unbedeutendste aller Pharaonen war, aber einzig ein Grab hinterließ, das unversehrt geblieben ist.

Dazu Kostbarkeiten nicht ganz so prominenter Herkunft: ein Armreif aus dem Grab der Königin Ahhotep mit Figurendarstellungen in der typischen Gleichzeitigkeit von Front und Profil; dem Kanon der Starrheit nicht weniger verpflichtet eine Statuette des Königs Amun, stehend, der linke Fuß vorgeschoben, ganz wie es seit "zehntausend Jahren", wie Plato sich mokiert, unverändert geblieben ist. Immerhin wurde getrieben und graviert, ziseliert, tranchiert, gelötet, nielliert und granuliert. Es hat sich eine Inschrift erhalten, auf der schier Zeitgeistiges zu lesen ist: "Was aber das Gold betrifft, so ist es das Fleisch der Götter." Das Material selbst war in Ägypten vielfach vorhanden: Vor allem als Legierung kam es vor, in einer Mischung mit Silber, die auf den schönen Namen "Elektron" gebracht wurde. Man hatte eigene Gruben und damit einen ebenso ökonomischen wie psychologischen Vorteil gegenüber den nicht weniger goldhungrigen Nachbarn. Die besagte Inschrift geht dementsprechend mit einer Warnung weiter: "Es ist nicht in eurem Besitz, und hütet euch davor", so richtet sie sich an all die Zeitgenossen und sonstig Interessierten, in denen die Gier erwachte.

Naturgemäß hat es nichts geholfen, und so ist das "Gold der Pharaonen" allemal wieder Beutegut, Hehlerware aus den Plünderungen und Grabschändungen der letzten fünf Jahrtausende. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2001)

Von Rainer Metzger
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