Riskante Anschaulichkeiten - Die "neue" Wehrmachtsausstellung in Berlin

27. November 2001, 20:04
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Mit Fehlern könne man lediglich zwei Dinge tun, meinte Jan-Philipp Reemtsma einmal: sie berichtigen und nachher nicht wiederholen. Die Rede war von der umstrittenen Wehrmachtsausstellung, für die Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung letztlich sogar dem Vorwurf der Fälschung ausgesetzt war. Einige der rund 1400 Fotos der Schau hatten nicht Wehr-machtsverbrechen gezeigt.

Das änderte zwar nichts an der Richtigkeit der These der Ausstellung, aber es kam jenen Gegnern zupass, die nur darauf gewartet hatten, dass die spektakuläre Provokation, die die Schau im ganzen deutschen Sprachraum bewirkte, ebenso spektakulär in sich zusammenfallen könnte - und sei es nur wegen falscher "Bildunterschriften".

Wenn nun die ab heute in den Berliner KunstWerken gezeigte Neufassung der Ausstellung entschieden weniger auf Bilder setzt, dann korrigieren Reemtsma und sein Team nicht nur ihre eigenen Fehler. Sie formulieren mit dieser "Antwort auf die Debatte zur ersten Schau" gleichsam auch einen Kommentar zu einer Gegenwartskultur, die insgesamt einer ziemlich riskanten Sucht nach starken Bildern verfallen scheint.

Sowohl beim Gedenken als auch in der Vergegenwärtigung von Krieg, Verbrechen und Gewalt wird die oft provokative Wucht von Fotos und Filmen ja gerne strapaziert. Guido Knopps spekulative TV-Lektionen, die praktisch kein Hitler-Thema auslassen, wären da ebenso zu nennen wie jüngste "dokumentarische" Aufnahmen zu Terror und Krieg, von denen oft niemand mehr genau eruieren kann, ob sie nicht manipuliert sind oder zumindest manipulativ eingesetzt werden.

Rückblickend kann man nun sagen, dass die Erregung rund um die erste Wehrmachtsausstellung Symptom für eine Phase war, in der sich didaktischer Wille (gegen das Vergessen), erstes Misstrauen gegenüber populistischen Geschichtspräsentationen und eine immer noch weit verbreitete Ignoranz gegenseitig hochschaukelten. Die plakative Form, in der die Schau Mitte der 90er konzipiert war, wäre heute für ein seriöses Aufklärungswerk nicht mehr denkbar und inakzeptabel.

Einerseits wäre sie zu nahe am Bestseller-Geschichtsunterricht, der jetzt von Goldhagen, Knopp und Co. gewinnbringend ausgeschlachtet wird. Andererseits muss sie sich der Tatsache stellen, dass als Gegenpol zu diesem Erinnerungs-Infotainment inzwischen einige beachtliche Schritte gesetzt wurden: weg von den schnellen, simplen Bildbeweisen; hin zu Räumen zwischen den Bildern, die auch Platz finden für Trauer und Reflexion.

Es ist ein sehr bezeichnender Zufall, dass die neue Wehrmachtsausstellung im selben Jahr startet, in dem mit dem Bau des Berliner Holocaust-Denkmals begonnen und Daniel Libeskinds Jüdisches Museum eröffnet wurde: auch als erratischer, vielschichtiger Kommentar und Gegenpol zu den fragwürdigen Segnungen der musealen Eventstrategien. Ebenso zufällig ist heuer in Cannes Claude Lanzmanns jüngster Dokumentarfilm über den Häftlingsaufstand im Vernichtungslager Sobibor diskutiert worden: auch ein Werk, das der illustrativen Wirkung von "dokumentarischem" Bildmaterial radikal misstraut.

Wie sagte Jan-Philipp Reemtsma gestern in der F.A.Z.: "Es gibt augenscheinlich immer wieder Jahre, Daten, in denen sich so etwas verdichtet und wo das Gefühl entsteht, jetzt hat man für bestimmte Dinge die endgültige Formulierung gefunden. Und je nach Vokabular sagt der eine, dass man einen Schlussstrich zieht. Oder der andere sagt, es ist historisiert. Und ein, zwei Jahre später geht es wieder von vorne los."

Man könnte auch sagen: Zumindest im Fall der Wehrmachtsausstellung geht etwas weiter, wird weitergedacht. Es ist zu wünschen, dass ihre Initiatoren den Mut bewahren, sie als "work in progress" für Veränderungen offen zu halten - auch gegen das Vergessen, das dieser Tage manchmal sehr salopp, wenn auch von Knopp und Co. ermüdet eingefordert wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2001)

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