Orpheus und das filigrane Finale

27. November 2001, 20:15
posten

SWR-Sinfonieorchester bei Wien Modern

Wien - Wie ein Veranstaltungsnetz hat sich Wien Modern, das heuer mit der Einbeziehung von Tanz, Film und Kunst als Mehrspartenfestival wirkte, über die Stadt ausgebreitet. Aber wie der Anfang, so auch das Ende - nämlich eines im Konzerthaus, außerdem mit einem normalen klassischen Orchesterkonzert. Hier mit dem SWR-Sinfonieorchester unter Dirigent Sylvain Cambreling.

Normal ist natürlich etwas zu arrogant, zumal sich ein Werk wie Beat Furrers Orpheus' Bücher I schon sehr weit über das normale Qualitätsniveau erhob. Die feinen Strukturen erzeugten ein dichtes, filigranes Gewebe, in dem sich vokale und instrumentale Momente ineinander verkeilten. Hans Werner Henzes Ariosi - Tre notturni del Torquato Tasso wirkte daneben doch ein wenig träge, wiewohl in diesem wabernden, mitunter spätromantisch angehauchten Opus vom Liebesverlust die Einzelstimmen von Christiane Oelze und Christian Ostertag (Violine) sehr gut zur Geltung kamen.

Der letzte Wien-Modern-Ton, Matthias Pintschers Fünf Orchesterstücke, schnitt auch dank der präzisen und präsenten Arbeit des Orchesters im Vergleich zu Furrer besser ab. Komplex und zugleich atmosphärisch stark die Anlage des Werkes, das sich mitunter zu ungemein komplexen Energiekulminationen aufraffte.

Etwas statistische Bilanz: Rund 13.700 Besucher kamen zu 37 Veranstaltungen - dies bedeutet eine Durchschnittsauslastung von 75 Prozent. Das ist besser als im Vorjahr, und es wundert nicht, dass man im nächsten den Aspekt der Visualisierung von Musik, der diesmal das Hauptthema war, weiterdenken will.

Verstärkt wird man nächstes Jahr Wert auf den filmischen Aspekt legen; auch das Bespielen verschiedener Räume abseits des Konzerthauses und des Musikvereins wird forciert werden, wobei die Musik quasi ihren geeigneten Raum suchen soll. In puncto Musik ist zumindest sicher, dass Komponist Wolfgang Rihm, der nächstes Jahr seinen 50. Geburtstag feiern wird, eine wichtige Rolle spielen dürfte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2001)

 Von
 Ljubisa
 Tosic


Share if you care.