Pink Punk Christmas

30. November 2001, 01:28
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"Abvent"-Feier mit Toten und Bayerischen Hosen im Burgtheater

Wien - Sechs Wochen Weihnachtsmarkt in Wien - dass das von Langos-Schwaden umnebelte Burgtheater zum Entbesinnlichungsschlag aus- holte, fällt unter Notwehr. Neun Herren aus dem EU-Nachbarland bat man zwecks Idyllen-Exorzismus auf die Staatsbühne. Eine gewagte Mischung, schon optisch: Fünf der Herren wählten blaues Hanseaten-Tuch, rosa Hemden und eine korrekte, blonde Scheitelfrisur zum stoischen Blick. Drei trugen Lederbundhosen. Ein weiterer entschied sich für das kartoffelige Beinkleid in Cordsamt.

Vor drei Jahren waren die unheiligen Neun - Gerhard Polt, die Biermösl Blosn und die Toten Hosen - schon einmal zum vorweihnachtlichen Duell der Volksmusik angetreten, um des Einzelhandels heiligster Nacht die Stille auszutreiben. Harfe kontra E-Gitarre, Blech kontra Drum, Dezibel kontra Rührung.

Um falsche Harmonie zu bannen, wurde auf gemeinsame Proben auch diesmal sorglich verzichtet. Zwei Hemisphären der Volksmusik prallten, sanft umrahmt vom roten Samt des Bühnenvorhangs, relativ ungeschützt aufeinander. Zwecks möglichst lautem gemeinsamem Intonieren der alten Weisen. Dazwischen Gesketchtes von Gerhard Polt.

Endgültig stellte sich Pink-Christmas-Stimmung nach der offenkundig beschwingten Pause ein. Als die Herren im Anzug die Jacketts ablegten, das Haar außerordentlich entordneten: "Wir woll'n die Hos'n sehen", skandierten die schal- und shirtgestärkten Fans im restlos ausverkauften Wiener Burgtheater: Konnten sie haben.

Nach der Pause war für Campino und Freunde endgültig Beschleunigung angesagt und Weihnachten beerdigt. Laut, direkt, klug, sogar ziemlich laut, rissen sie Fans und den ehrwürdigen Burgtheaterstaub vom samtenen Polster. Halbstündige Standing Ovations und donnernde Zugabenforderungen erschütterten ein Haus, in dem Applaus zuletzt eher wohldosiert abgesondert wurde.

Allein: Neben dem garantiert staubfreien Sound der Düsseldorfer wirkte die regelmäßige Rückkehr der Bayern auf die Bühne reichlich entschleunigend. Selten tönte Gerhard Polts Witz, seiner beißenden Schärfe beraubt, ähnlich altväterlich. Müde Karnevalspersiflagen ("Wolle mer se roilasse?") folgten Weihnachtsmann-Travestien folgten Entertainmentparodien. Wie sangen die Toten Hosen? "Ihr habt es einfach, ihr wisst ja nicht, wie das ist, wenn du aufwachst und Bundeskünstler bist." Quatsch: Bundeskanzler natürlich.

Unser Wunsch: ein Hosen-Solo im Burgtheater.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2001)

 Von
 Cornelia
 Niedermeier


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