"Alles ist neu - nur die These ist alt"

27. November 2001, 23:30
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Die kontroverse Wehrmachts-Ausstellung in Berlin: Analyse eines zweiten Anlaufes

Die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung sorgte im deutschen Sprachraum für Kontroversen. Jetzt ist in den Berliner KunstWerken eine revidierte Version zu begutachten: Sie setzt weniger auf Bilder als auf genaue Lektüre.

Von Bert Rebhandl aus Berlin


Am 6. Juli 1941 schrieb ein Soldat der deutschen Wehrmacht aus dem ukrainischen Tarnopol einen Brief an seine Eltern über die Grausamkeiten, zu denen es in dieser Stadt von sowjetischer und von deutscher Seite gekommen ist. Er schließt mit einem Satz, dessen Ambivalenz ihm nicht bewusst sein konnte: "Sollten Zweifel bestehen, wir bringen Fotos mit."

Eine Kopie dieses Briefes ist seit heute an einer zentralen Stelle der neuen Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu sehen, die am Dienstagabend in den Berliner KunstWerken eröffnet wurde: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944 geht auf die 1995 erstmals gezeigte Ausstellung Vernichtungskrieg zurück, die selten unter ihrem tatsächlichen Titel besprochen wurde, sondern bald als "Wehrmachtsausstellung" zu weit reichenden Kontroversen führte.

In Ruth Beckermanns Film Jenseits des Krieges sind viele sehr unmittelbare Reaktionen dokumentiert, zu denen es kam, als die Ausstellung in Wien zu sehen war. Die Abwehr ehemaliger Kriegsteilnehmer war intensiv, aber auch der Schock über den unleugbaren Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Kriegspolitik und deren Ausführung nicht nur durch SS-Männer, sondern häufig auch durch Befehlshabende und einfache Soldaten der deutschen Armee.

Vielfach wurde die Ausstellung als Polemik empfunden, die auf die Schockwirkung von Fotos setzte. 1999 hatten sich schließlich Historiker zu Wort gemeldet, die zu einzelnen Bildern aus Vernichtungskrieg den Nachweis führten, dass die darauf zu sehenden Leichen nicht einem Pogrom der Wehrmacht an Juden zum Opfer gefallen waren, sondern dem sowjetischen Geheimdienst NKWD.

Bilder: Beweise?

Jan-Philipp Reemtsma, der Leiter des Hamburger Instituts, zog die Konsequenz. Er trennte sich vom Ausstellungsleiter Hannes Heer und beauftragte eine unabhängige Historikerkommission mit einem Gutachten. Als dieses schließlich veröffentlicht wurde, wurde es in der Öffentlichkeit überwiegend als Rehabilitation der Ausstellung gewertet, die Kritik an einzelnen Bildzuschreibungen blieb allerdings aufrecht.

Die Bilder aus Tarnopol bilden nun ein zentrales Kapitel in der neuen, kühler inszenierten und stärker auf Nachvollziehbarkeit des gesamten Arguments bedachten Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Es ist das Kapitel, in dem sich Reemtsma und sein Team unter der Leitung der Historikerin Ulrike Jureit bei ihrer Arbeit reflektieren.

Zu den ursprünglichen vier Bildern aus dem Wiener Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes kommen nun weitere Bilder aus europäischen Archiven, die ähnlichen Inhalts sind - zu sehen sind getötete Bewohner Tarnopols und Soldaten der Wehrmacht -, jedoch auch keine näheren Aufschlüsse erlauben, in welcher Beziehung Opfer und Täter auf der Fotografie genau stehen.

Die Bilder sind also als "Beweis", wie sie in der ersten Ausstellung verwendet wurden, untauglich. Sie fügen sich allerdings zu einer Art kinematographischer Sequenz und bereiten so der Fiktionalisierung den Weg, durch die das Erinnern an das 20. Jahrhundert mittlerweile hindurchging: Filme und populäre TV-Serien liegen wie eine Bewusstseinsschicht über jenen Dokumenten, die das Tatsächliche vertreten. Verbrechen der Wehrmacht bespielt daher die KunstWerke nicht mehr in erster Linie als eine Schau, sondern als eine Art Lesesaal, in dem die Lektüre von Akten und Briefen von zentraler Bedeutung ist.

"Alles ist neu, nur die These ist alt", sagte Ulrike Jureit zur Eröffnung. Die These wendet sich gegen zwei unzulässige Generalisierungen:

Die eine Auffassung sieht im Krieg gegen die Sowjetunion ein Unternehmen, das Deutschland unter den Nationalsozialisten begann, das aber geradezu ein Volksprojekt gewesen wäre und von allen beteiligten Organisationen, also auch der Wehrmacht, in verbrecherischer Weise mitgetragen wurde. Daniel Goldhagens pauschale Anschuldigungen gegen die Deutschen sind der Fluchtpunkt dieses Arguments.

Handlungsspielräume

Die andere Auffassung versteht den "Vernichtungskrieg" als Projekt der Nationalsozialisten, den die Wehrmacht, insofern sie die deutsche Armee war, zu führen hatte, allerdings in einer Art permanentem Befehlsnotstand und somit letztlich nicht belangbar.

Dabei gab es durchaus Handlungsspielräume, wie nicht nur die Ausstellungsmacher herausstreichen wollen, sondern wie auch den Planern des Vernichtungskriegs bewusst war: Sie führten eine "Kriegsgerichtsbarkeit" ein, die den militärischen Befehlshabern an der Front ein unmittelbares Recht zu Hinrichtungen und anderen Maßnahmen einräumte, äußerten aber im selben Atemzug bereits die Befürchtung, "die Truppe werde ziemlich viele Leute laufen lassen, die eine andere Behandlung verdient hätten".

Sowohl auf der Seite der Einsatzleitung wie auch auf der Seite der einfachen Soldaten gab es ein starkes Bewusstsein dafür, dass "ungesetzliche Maßnahmen" wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung im Osten waren.

Die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht erschließt sechs "Dimensionen des Vernichtungskriegs", die ausdrücklich auf einen Prolog über das Thema Kriegsrecht folgen: Völkermord, Kriegsgefangenschaft, Ernährungskrieg, Deportationen, Partisanenkrieg sowie Repressalien und Geiselerschießungen - in jedem dieser Bereiche verstießen Mitglieder der Wehrmacht gegen die Haager Landkriegsordnung und andere völkerrechtliche Übereinkünfte und machten sich so zu Kriegsverbrechern. Dieser Nachweis wird geführt und ist von größerem Belang denn je.

Denn "der kommende deutsche Soldat", von dem Adenauer 1952 in einer Bundestagsrede sprach, kann nicht in der Tradition dieser Wehrmacht stehen. Diese Implikation verschafft der Ausstellung viele Gegner. Als "vergangenheitspolitische Initiative" (Reemtsma) ist sie aber in der erneuerten Form von überragender Bedeutung:

Sie erzählt von der Selbstbescheidung jener Historiker, die nicht länger um jeden Preis - und um jedes Bild - das Bündnis mit den Massenmedien suchen, sondern Erinnerung und Recherche wieder zusammenbringen.
Bis 13. Jänner in Berlin
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2001)

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