Stau und kaum ein Ausweg

27. November 2001, 19:58
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Bei der STANDARD- Montagsdiskussion herrschte Einigkeit: Der Stau ist nicht mehr weg zu kriegen

Wien - Es gibt keinen Ausweg mehr, weil die Stadt ohne Stau gibt es nicht. Das sagt nicht irgendein frustrierter Autofahrer auf der Südosttangente. Das sagte Rudolf Schicker anlässlich des von STANDARD und Radio Wien veranstalteten Montagsgesprächs "Verkehr in Wien" im Haus der Musik. Schicker muss als Wiener Verkehrsstadtrat (SPÖ) wissen, worüber er spricht. Simpel, aber schlüssig seine Argumentation: "In einer Stadt wohnen viele Leute auf engem Raum zusammen, und die bewegen sich alle." So viel zu den Ursachen des täglichen Staus aus seiner Perspektive.

Bahn ausbauen

Verkehrsplaner Hermann Knoflacher von der TU Wien analysiert das Problem lieber in seinen Strukturen: Je mehr Infrastruktur es gebe, desto mehr Verkehr entstehe. Das schlechte Paradebeispiel ist für Knoflacher die Shopping City Süd: Dieser Einkaufsmagnet ziehe Verkehr aus 270 Kilometern Entfernung nach Wien. Angesichts der rundherum gewachsenen Strukturen sei Vösendorf schon ein Teil von Wien - inklusive aller Verkehrsprobleme. Also, so Knoflacher: keine Straßen, kein Stau - und das solle man angesichts der kommenden EU-Osterweiterung beherzigen und die Bahn ausbauen.

Menschen in Bim und Bus locken

Da prallten Glaubenswelten in Sachen Autoverkehr aufeinander: TU-Kollege Ernst Fiala vom Institut für Verbrennungskraftmaschinen und maßgeblicher Entwickler des VW-Golf wirft Knoflacher "ideologische Verklemmung" und Realitätsverlust vor, wenn er glaube, Wirtschaftswachstum ohne Verkehr planen zu können. Auch "hier greifen die Mechanismen des freien Marktes - das regelt auch den Verkehr".

Günther Groiss, Direktor der Wiener Linien, sieht als seinen Beitrag zur Verkehrsfrage, dass man "den öffentlichen Verkehr in den Köpfen der Leute verankern muss". Dahin gingen seine Marketingbemühungen. Menschen in Bim und Bus zu locken mildere den Stau.

Maut und Pickerl

Als Mittel zur Lösung des Wiener Staudilemmas setzen die Diskutanten auf Regulierungsinstrumente: Parkpickerl und Roadpricing. Ersteres seit Jahren in Wien zur Parkraumbewirtschaftung eingeführt, Zweiteres ebenso lang auf Bundesebene diskutiert, aber noch nicht eingeführt. 2003 soll es so weit sein (siehe Kasten).

Rudolf Schicker sieht das Konzept der Parkraumbewirtschaftung für Wien voll aufgegangen. So habe man etwa dauerparkende Pendler aus der Stadt verbannt. Und es gebe mehr Parkplätze als Parkkarteninhaber. Zum Roadpricing: "Ja super - her damit." Durch die kilometerabhängige Maut würden sich die Leute überlegen, ob sie jeden Weg mit dem Auto fahren müssten. Aber er verweist auf Bundeskompetenzen.

Pro Roadpricing argumentiert auch Autobauer Fiala. Aber dafür müssten für Autofahrer insgesamt die Fixkosten sinken: keine Parkgebühr, keine Kosten für Tiefgaragen. Diese Summen würden "verkehrstreibend" wirken - "denn wenn ich schon zahle, will ich mein Auto auch ausnützen".

Öffis als Alternative

In der Diskussion drehte sich alles um das Auto. Dabei ist man in Wien dabei, das Verhältnis von Individualverkehr zu öffentlichem Verkehr zu verbessern. "Bereits jetzt werden 39 Prozent des Gesamtverkehrs über Öffis bewältigt", argumentiert Günther Groiss von den Wiener Linien. Eine positive Tendenz, die Knoflacher als Verfechter des Ausbaus von Schieneninfrastruktur im internationalen Vergleich bestätigt sieht: Nur Hongkong habe ein besseres System öffentlicher Verkehrsmittel. "Sonst weltweit niemand." Schicker sieht auch nicht innerstädtisch das Problem. Vielmehr liege es darin, Pendler innerhalb vernünftiger Fahrtzeiten befördern zu können.

Fehlende Radabstellplätze

Im Publikum sitzen die überzeugten Benützer der öffentlichen Verkehrsmittel und vor allem: Radfahrer und Fußgänger. Die fühlen sich in der verkehrspolitischen Diskussion gegenüber den Autofahrern schwer vernachlässigt. Selbst wenn, wie zugegeben wird, das Radwegenetz in Wien stark ausgebaut worden sei, gebe es kaum Radabstellplätze, moniert ein Student. Etwa bei Einkaufszentren: "Wohin stelle ich denn mein Rad, wenn ich einkaufen will?" "Stimmt", assistiert Knoflacher, "jeder Acker wird umgepflügt, um bloß für die Autos Platz zu machen."

Das radfahrende Publikum verlangt daher von Schicker gleich die realpolitische Umsetzung einer Forderung: In Wien müsse in der Bauordnung für den Bau von Geschäften festgeschrieben werden, dass auch Radabstellplätze zu errichten seien. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 28.11.2001)

Von Andrea Waldbrunner
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