Österreich muss EU-Embryonenforschung mitzahlen

27. November 2001, 18:37
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Ethik-Mitglied Virt: Mit Steuergeldern Forschung gefördert, die Österreich ablehnt

Wien - Österreich und drei weitere EU-Länder - Deutschland, Irland und Portugal - müssen an der Förderung der EU für Embryonenforschung mitzahlen, obwohl diese Forschung in diesen Ländern verboten ist. Auf diesen Widerspruch haben der Wiener Moraltheologe Günter Virt und der deutsche CDU-Europa-Abgeordnete Peter Liese laut Kathpress in einem Interview der westösterreichischen Kirchenzeitungen hingewiesen. "Wenn die Forschungsminister aus den Ländern, wo die Embryonenforschung gesetzlich verboten ist, beim letztentscheidenden Ministerrat am 12. Dezember energisch genug auftreten, könnte der Beschluss zu Fall gebracht werden", betonte Liese.

Das EU-Parlament hat Mitte November das 6. EU-Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung (2002 bis 2006) beschlossen. Von den insgesamt 224 Mrd. S sollen dabei auch bis zu 3,5 Mrd. S für medizinische Forschungsprojekte ausgegeben werden, bei denen Embryonen im Anfangsstadium zur Gewinnung von Stammzellen vernichtet werden.

Bedenken

Virt, Mitglied der Ethik-Beratergruppe der EU-Kommission, zeigte sich von diesem Beschluss tief enttäuscht. "Das ist eine Wende, mit der wir nicht gerechnet haben. Bisher gingen wir in der interdisziplinären Ethik-Gruppe immer davon aus, dass zwar in einigen Mitgliedsländern verbrauchende Embryonenforschung bzw. die Forschung an importierten Stammzellenreihen erlaubt ist, dass dies aber kein europäisches Programm ist." In diesem Sinne habe sich auch der Humangenetikausschuss des Europäischen Parlaments gegen eine EU-Förderung der Embryonenforschung ausgesprochen. "Offenbar aber hat sich zu guter Letzt die Rücksichtslosigkeit der Industrie gegen alle ethischen Bedenken durchgesetzt", so der Moraltheologe.

Sozialdemokraten stimmten dafür

Liese ist sich nicht sicher, ob alle Abgeordneten tatsächlich ganz im Bilde waren, was sie da beschlossen haben. Es sei zumindest eigenartig, dass die deutschen und österreichischen Sozialdemokraten dafür stimmten, auch mit Geld aus ihren Ländern die Embryonenforschung zu fördern, obwohl diese in ihren Ländern ausdrücklich verboten ist. Eine Reihe von Vorschlägen des Forschungs- und Industrieausschusses sei allerdings abgelehnt worden, betonte Liese. So dürfen die Herstellung von Embryonen für Forschungszwecke, jede Form des Klonens sowie eugenische Eingriffe in die Keimbahn von der EU nicht gefördert werden. Außerdem wurde beschlossen, die Forschung an adulten, d.h. von Erwachsenen gewonnenen Stammzellen vorrangig zu fördern.

Virt hält die Entscheidung des EU-Parlaments auch für demokratiepolitisch höchst bedenklich: "Durch diesen Beschluss wird mit unseren Steuergeldern eine Forschung gefördert, die Österreich aus guten Gründen ablehnt." Sollte der Beschluss des Europäischen Parlaments umgesetzt werden, fordert Virt eine lückenlose, umfassende Dokumentation aller geförderten Embryonenversuche - auch mit allen Misserfolgen und Missbildungen. Nur so könne sich die Öffentlichkeit ein Bild machen, was da wirklich geschieht, und ob sie das auch will. (APA)

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