"Kafka war kein Sammler"

27. November 2001, 17:11
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Rekonstruierte Kafka-Bibliothek für Kafka-Gesellschaft

Berlin - Die Franz-Kafka-Gesellschaft in Prag erhält die nahezu gesamte rekonstruierte Bibliothek Kafkas (1883-1924). Die Sammlung wurde durch wertvolle Erstausgaben des Schriftstellers ("Der Prozeß") ergänzt. Die Firma Porsche, die den Bestand erworben hatte, übergab die über 1.000 Bücher, Zeitschriften und Almanache im Wert von über 250.000 Mark (127.823 Euro/1,76 Mill. S) am Dienstag in Berlin symbolisch an den Präsidenten der Kafka-Gesellschaft, Kurt Krolop.

Der Bestand wurde von dem Stuttgarter Antiquar Herbert Blank zusammengestellt. Die Bücher befanden sich entweder im Besitz Kafkas oder sind Ausgaben aus seiner Zeit, mit denen er sich im Laufe seines Lebens nachweislich beschäftigte. Blank stellte dazu in mehrjähriger detektivischer Arbeit einen Katalog zusammen. Der Antiquar vertritt die Ansicht, dass Kafka mit schätzungsweise 400 bis 500 Büchern für einen Autor eine vergleichsweise kleine "Handbibliothek" besessen habe, was auch auf seine beengten Wohnverhältnisse, seinen Geiz und schließlich seine spätere schwere Erkrankung zurückzuführen sei.

"Kafka war kein Sammler", sagte Blank. Sein Verhältnis zur schreibenden Zunft sei "gelinde gesagt etwas zwiespältig" gewesen. So nehmen auch nichtliterarische Titel wie Reisebeschreibungen oder wissenschaftliche Volksbücher und biografische Darstellungen einen beträchtlichen Umfang in seiner Bibliothek ein.

'Es gelten nur die Bücher'

Über seine eigenen Werke vermerkte Kafka in seinem Testament: "Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler ... Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt ... ausnahmslos zu verbrennen."

Die Wege, die Kafkas Bibliothek nach der Deportation seiner Schwester Ottla nach Theresienstadt genommen hat, sind bis heute nicht lückenlos aufgeklärt. Fest steht, dass zumindest der größte Teil irgendwann in ein Münchner Antiquariat gelangte und 1982 an die Forschungsstelle für Prager deutsche Literatur an der Universität Wuppertal verkauft wurde, wo sich die Bücher bis heute befanden. "Jetzt kommt nach Prag, was dort auch hingehört", sagte der Verleger und Kafka-Experte Klaus Wagenbach, der schon 1958 eine Liste der Kafka-Bibliothek veröffentlicht hat. (APA)

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