Strukturelle Gewalt an Migrantinnen in der Sexarbeit

27. November 2001, 14:47
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Prostitution muss im Kontext betrachtet werden

Der Anstieg der internationalen Migration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, primär von wirtschaftlich benachteiligten Ländern in die „westlichen“ Industriestaaten, ist eine direkte Folge der neuen globalen Wirtschaftsstrukturen und der steigenden Mobilität.

Charakteristisch für diese Wanderungsbewegung ist unter anderem das Ansteigen der Migration von Frauen, auf der Suche nach neuen Überlebensperspektiven für sich selbst und ihre Familie im Herkunftsland. Es ist die weltweite Feminisierung der Armut, die die sogenannte „Feminisierung der Migration“ verursacht.

Es muss anerkannt werden, dass Frauen – aus Mangel an Arbeitsmöglichkeiten in ihren Herkunftsländern – emigrieren, um sich hier in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aus diesen Gründen charakterisieren wir diese Migrationsbewegung als Arbeitsmigration von Frauen. Migrantinnen, die in Westeuropa in der Sexarbeit tätig sind, sind keine Ausnahme.

Prostitution als transnationales Phänomen

Wenn wir von Prostitution als einem transnationalen Phänomen sprechen, müssen wir dies im Kontext des Migrationsprozesses und der existierenden Nachfrage in den europäischen Ländern oder Zentren der Weltwirtschaft sehen.
Wenn die Migration in das gewünschte „reiche“ Land nicht möglich ist, dann wird ein anderes Land als Zielland ausgewählt. Heute wird die Präsenz von Migrantinnen in der Sexindustrie überall in der Welt wahrgenommen; zum Beispiel sind viele der Mittelosteuropäischen Länder, die ursprünglich Herkunftsländer waren, heute Transit- oder Zielländer oder schaffen neue Bereiche der Nachfrage (z.B. Kriegsgebiete in denen sich Militäreinheiten oder internationale Organisationen befinden).

Die Internationalisierung der Sexarbeit verursacht eine Veränderung im Bereich Prostitution, sowohl in Bezug auf Quantität als auch Qualität und stellt eine Konfrontation mit weiblicher Migration dar. Die Nachfrage der bestehenden Sexindustrie bedingt eine steigende Zahl von Migrantinnen in der Sexarbeit.

Migrantinnen in der Sexarbeit sind - dadurch, dass sie Migrantinnen sind - nicht nur von Marginalisierung und Stigmatisierung betroffen, sondern sie sind auch ständig durch die restriktiven Einwanderungsbestimmungen westeuropäischer (und anderer) Länder bedroht.

„Illegalisierung“ von Migrantinnen in der Sexarbeit

Die „Illegalisierung“ von Migrantinnen in der Sexarbeit hat schwerwiegende Konsequenzen für ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen:

Vor allem führt ihre „Illegalisierung“ zu

  • Abhängigkeit, von Zuhältern, Barbesitzern, Ehemännern und anderen Menschen, die Teil der Sex-Industrie sind;
  • Ausbeutung, durch Unterbezahlung, lange Arbeitszeiten, ungeschützte und unsichere Arbeitsbedingungen;
  • Isolation, auf Grund kultureller Unterschiede, Sprachschwierigkeiten, Mangel an Information über soziale und legale Rechte;
  • Mobilität, weil ihr temporäres Visum abläuft, weil sie von ihren Zuhältern an andere Orte gebracht werden oder weil die Bedrohung durch Razzien oder Polizeigewalt sie dazu zwingt, andere Arbeitsorte zu suchen;
  • Unsicherheit und Angst, die physische und psychische Beschwerden verursachen können, häufiges Ausgeliefertsein gewalttätigen und ausbeuterischen Klienten gegenüber, die sie zwingen, jedes Angebot anzunehmen: niedrige Entlohnung, ungeschützten Sex, unsichere Arbeitsplätze;

    Eine Reflexion und Neuformulierung der europäischen Politik im Zusammenhang mit der massiven Präsenz von Migrantinnen in der Sexarbeit ist zwingend notwenig, um die Frauen nicht mehr als Objekt zu sehen, sondern sie als Subjekte wahrzunehmen.


    Verein LEFÖ - Lateinamerikanische Emigrierte Frauen in Österreich

    Der Verein LEFÖ besteht seit 1985. Damals wurde der Verein von exilierten Frauen aus Lateinamerika gegründet, die sich in Wien zusammengeschlossen haben, um ein Kommunikations- und Selbsthilfeprojekt zu gründen.
    Die Entwicklung der weiblichen Migration zur Arbeitsmigration in die „reichen Länder“ Westeuropas, die in immer ausbeuterischere und aussichtslosere Arbeits- und Lebenssituationen mündet, bildet die Ausgangslage für die Arbeit in LEFÖ und hat die Arbeitsbereiche in den letzten Jahren bestimmt. Wir bieten an:

  • Für MigrantInnen aus Lateinamerika: Psychologische, sozial- und arbeitsmarktpolitische Beratung, Familienberatung (Ärztin, Juristin, Sozialarbeiterin), Deutschkurse
  • Für Migrantinnen in der Sexarbeit: Streetwork, AIDS/STD-Informationsmaterialien in 15 Sprachen, Workshops für Multiplikatorinnen, kulturelle Mediation
  • Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels: rechtliche, soziale und psychologische Beratung und Betreuung, Unterbringung in Notwohnungen, Rückkehrhilfe, Schubhaftbetreuung
  • Öffentlichkeitsarbeit: Durchführung von Seminaren, Vorträgen und Workshops, Medien- und Pressearbeit, Rundbriefe zu Migration/Frauenhandel, Netzwerkarbeit, Lobbyarbeit

    Kontakt: Homepage, E-Mail, Tel. 01/58 11 881

  • Von Maria Cristina Boidi

    LEFÖ (Lateinamerikanisch Emigrierte Frauen in Österreich)
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