Es kann nicht sein, was nicht sein darf

27. November 2001, 14:57
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Martha Stadler vom Grazer Frauenhaus im Gespräch mit dieStandard.at über Ignoranz, feministische Praxis und die Männer

dieStandard.at: Das Grazer Frauenhaus gibt es heuer seit 20 Jahren. Sie sind seit Anfang dabei, wie hat sich dieses Projekt entwickelt?

Stadler: Am Anfang sind wir ja überhaupt nicht ernstgenommen worden. "In der Steiermark, da brauchen wir ja sowas nicht, das gibt’s ja bei uns nicht." Am 12. Dezember 1981, also genau vor zwanzig Jahren, haben wir das Haus eröffnet und da war das Haus schon mehr oder minder voll.

dieStandard.at: Das ist ja auch eine sehr naive, beziehungsweise ignorante Einstellung.

Stadler: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und es hat wirklich irre lang gedauert, bis wir wirklich etabliert waren. Von offizieller Seite natürlich auch. Was immer da war, war diese Willenskundgebung: "Selbstverständlich, das ist notwenig". Das hat sich nie darin niedergeschlagen, dass wir ausfinanziert waren. Es war jedes Jahr ein ‚Kämpfen müssen‘, dass wir uns über Wasser haben halten können.

Mit der Gewalt oder mit Kindern zu argumentieren ist leichter, als etwas in Richtung Selbständigkeit zu sagen. Was wir aber eigentlich immer, ich zumindest, als Hauptaufgabe gesehen haben.

Und es hat wirklich drei Jahre gebraucht, um dieses Projekt ‚Frauenhaus‘ auf die Beine zu stellen. Die Grete Schurz war sozusagen der Motor dieses ganzen Vorhabens. Sie hat zum Beispiel das Büro des Bürgermeister Götz besetzt und gesagt, sie geht nicht raus, wenn wir das Haus nicht kriegen. Sie lässt sich sonst raustragen. Bis er dann klein beigegeben und gesagt hat: "Na gut, ihr könnts das Haus haben".

dieStandard.at: Und wie war dann die praktische Arbeit, genauso erfolgreich?

Stadler: Ich hab ja zwei Bücher geschrieben, zwei Evaluierungen, was den Frauen das neue, viel grössere Haus gebracht hat. Und da ist rausgekommen, dass je länger eine Frau bei uns ist, desto leichter ist eine Entwicklung möglich in Richtung Selbständigkeit. Viele Frauen gehen ja auch wieder zurück. Das war am Anfang halt auch oft schwer für uns zu akzeptieren.

dieStandard.at: Wie kann man damit mit einem feministischen Ansatz umgehen?

Stadler: Das Thema meines ersten Buchs ist ja "Feministische Theorie und Praxis". Die Frauen haben mit Feminismus aber gar nichts am Hut. Aber trotzdem ist es uns gelungen, ein Bewußtsein zu schaffen.

Da gibt es ja auch noch so einen Mythos, dass da bei uns nur Frauen aus der Unterschicht wären. Die Frauen kommen aus allen Schichten, und vor allem in der Beratung haben wir auch etliche Frauen aus der sogenannten "Oberschicht", von Ärzten, von Anwälten und auch sehr häufig von Polizisten.

dieStandard.at: Was passiert mit den Frauen nach ihrer Zeit im Frauenhaus?

Stadler: Da gibt’s dann die Nachbetreuungsstelle. Im Frauenhaus ist der wichtigste Teil, den Frauen einmal Schutz zu bieten, Schutz und Unterkunft. Aber das nächste ist dann sozusagen die Entwicklung von neuen Lebensperspektiven und das Durchbrechen des Musters, wodurch sie zu so einem Schläger kommen.

dieStandard.at: Therapie ist ja ein ziemlich teures Kapitel in Österreich, wie handhabt ihr das vom Frauenhaus?

Stadler: Das ist alles kostenlos, auch die Beratung hier im Haus ist kostenlos, die ambulante und die telefonische. Es kommen ja nicht die reichsten Frauen zu uns.

dieStandard.at: Natürlich ist da der Wille ausschlaggebend. Auch bei den Ambulanzgebühren triffts ja nicht vordergründig "die Reichsten" ...

Stadler: Ja eh. Was da auf uns zukommt, ist noch gar nicht absehbar. Das sind alles Maßnahmen, die vordergründig einmal Frauen treffen, die Alleinerzieherinnen in erster Linie. Und wir spüren ja jede wirtschaftliche Schlechterstellung. Weil wenn weniger Geld da ist, dann wird der Druck viel größer und die Männer "karniefeln" dann die Frauen und die Frauen "karniefeln" dann die Kinder ...

Ich mach die Paarberatung auch, was eigentlich für ein Frauenhaus untypisch ist. Wenn frau das will natürlich. Bei körperlicher Gewalt mach ich keine Paarberatung, aber bei psychischer Gewalt und wenn die Frau sagt, sie möchte es probieren, dann machen wir das schon. Das passiert auch in der Nachbetreuungsstelle und nicht hier im Frauenhaus. Und ich bin schon der Meinung, dass dort wo ein Mann die Bereitschaft zeigt, dass man die auch ernst nehmen muss und ihn sozusagen bei der Verantwortung packen muss. Und das sind halt eher wenige.

dieStandard.at: Na ja, die Männer kriegen ja leider auch viel zu viel Schwachsinn ins Hirn gepflanzt.

Stadler: Ja, das ist furchtbar. Wenn du immer diese Botschaften kriegst: "Du musst ein richtiger Bub sein, du musst stark sein" etc., das muss ja ein Wahnsinn sein.

dieStandard.at: Danke für das Interview.

Das Interview führte Elke Murlasits.
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