Literarischer "Big Brother"

27. November 2001, 11:35
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Französische Autoren schreiben live eine Novelle

Paris - Dass sie "Big Brother" zahlreich als Müllfernsehen beschimpft haben, hindert einige französische Schriftsteller nun nicht daran, selbst an einer Reality-TV-Sendung teilzunehmen. Die Idee stammt vom öffentlich-rechtlichen Sender "La Cinquieme". Demnach werden vier Autoren vier Tage lang unter dem wachsamen Auge der Fernsehkameras in einer Wohnung eingeschlossen. Sie verfügen nur über einen Computer und müssen gemeinsam eine Novelle schreiben.

An der ersten Sendung beteiligen sich der Schriftsteller Yann Queffelec und seine weiblichen Kolleginnen Irene Frain und Valerie Tong Cuong. Den vierten Kandidaten hat Pascale Breugnot, die Produzentin der Sendung, noch nicht gefunden. Jeden Abend ist im Fernsehen eine Zusammenfassung des "Best Of" vom abgelaufenen Tag zu sehen. Am fünften Tag findet ein großes Finale mit etwa 30 geladenen Studiogästen statt. Die Sendung soll vom 2. bis zum 4. Dezember aufgenommen und Anfang Jänner 2002 ausgestrahlt werden.

Kein "Trash-TV"

Für Pascale Breugnot handelt es sich bei der Sendung um alles andere als um "Trash-TV". "Es ist ein wahrhaftiger Dokumentarfilm. Es geht darum zu verstehen, wie ein literarisches Werk entsteht. Wir wollen die Ideen, die literarischen Gestalten, die Handlungen zur Welt kommen sehen. Wir bieten dem Fernsehpublikum die Möglichkeit, die Kulissen der Redaktion einer Novelle zu betreten", erklärte die TV-Produzentin gegenüber der Tageszeitung "Le Figaro" (Dienstag-Ausgabe).

Die französischen Schriftsteller stehen dieser Initiative allerdings gespalten gegenüber. Shan Sa, Autorin des Romans "La Joueuse de go" (Grasset), die jüngst mit dem von Oberschülern vergebenen Studenten-Goncourt ausgezeichnet wurde, findet die Idee zwar "sehr lustig", aber auch "sehr pervers". "Hätten die Surrealisten eine Kamera gehabt, so hätten sie gewiss das selbe gemacht", so Shan Sa. Für Jean-Marc Roberts dagegen ist die Sendung "obszön" und "grotesk".

Für Benoit Duteurtre, Medicis-Preisträger 2001, entspricht diese Sendung der Mode "gewisser super-exhibitionistischer Schriftsteller, die nur daran denken, ihr Innerstes preiszugeben, ihre Sexualität zu beschreiben". "Wenn man eine 'Loft Story' machen will, dann macht man besser die wirkliche 'Loft Story' ", erklärte Yann Moix in Bezug auf die französische Version von "Big Brother", die im vergangenen Frühjahr großes Aufsehen erregt hatte. " 'Loft Story' ist ein System, das die Literatur ausschließt, das sie missachtet. Die beiden vereinen zu wollen, ist naturwidrig", betonte Yann Moix.

Dieser "Autoren-Big Brother" stellt allerdings nicht die Premiere im Rahmen des literarischen Exhibitionismus dar. Der belgische Erfolgsautor Georges Simenon (1903-1989), "Vater" des bekannten Kommissars Maigret, hatte zu Beginn seiner Karriere in Lausanne in einem Schaufenster live eine Novelle geschrieben. Die neugierigen Passanten hatten die Möglichkeit, den "Meister" am Werk zu sehen. Der britische Autor Will Self ließ sich seinerseits mehrere Tage lang in einem Einkaufszentrum nieder. Er schrieb vor einer laufenden Kamera. Seine Arbeit wurde live im Internet übertragen. (APA)

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