Neue Erkenntnise über Multiple Sklerose

27. November 2001, 11:09
posten

Wiener Wissenschafter wollen verschiedene Formen der Erkrankung besser unterscheiden lernen

Wien - Bessere Behandlungschancen, möglicherweise eine neue "Einteilung" der verschiedenen Formen der Erkrankung: Neueste Erkenntnisse über die Multiple Sklerose (MS) wurden am Samstag bei einem Fachsymposium in Wien präsentiert. Was für die Patienten besonders wichtig ist: Vor kurzem wurde auch in Österreich der Wirkstoff Glatiramer-Acetat (ehemals Copolymer-1, "Copaxone") zur Behandlung der häufigsten Form der MS zugelassen.

"Das Medikament reduziert die Rate von akuten Krankheitsschüben bei MS-Patienten um rund ein Drittel. Dadurch wird auch das kumulative klinische Defizit (die sich oft mit den akuten Schüben kumulierenden Lähmungserscheinungen, Anm.) vielleicht etwas geringer. In Summe ergibt sich eine ähnliche Wirkung wie jene von Beta-Interferon", erklärte aus Anlass des Symposiums der Vorstand des Instituts für Hirnforschung der Unversität Wien, Univ.-Prof. Dr. Hans Lassmann, gegenüber der APA.

Mit dem Glatiramer-Acetat wurde bereits vor etlichen Jahren in Israel ein neuer Weg in der MS-Therapie eingeschlagen. Bei der Multiplen Sklerose kommt es aus noch ungeklärter Ursache zu chronischen bzw. periodisch aufflackernden Entzündungserscheinungen im Gehirn und Rückenmark. Die erste Behandlungsform, die - abgesehen von Cortison im akuten Schub - hier einen positiven Langzeiteffekt hat, war Beta-Interferon.

Doch bei dem Copolymer aus Israel - von Aventis auf den Markt gebracht - handelt es sich um einen anderen Wirkungsmechanismus. Laut Lassmann entstand das Arzneimittel als eine Art Nebenprodukt zur Forschung über die Ursachen der Multiplen Sklerose. Klar ist, dass bei der Krankheit aggressive Immunzellen das "basische Myelinprotein", das die "Isolierung" der Nervenleitungen besorgt, angreifen. Bei der Suche nach dem eigentlichen Ziel der Immunzellen stieß man auf ein "Epitop" (Abschnitt, Anm.) von wenigen Aminosäuren auf diesem Protein. Die israelischen Wissenschafter stellten in der Folge Zufalls-Varianten dieser Aminosäurenkette her. - Und bei Tierversuchen zeigte sich, dass ein Gemisch aus einigen solcher Varianten offenbar den fehl geleiteten Angriff der Abwehrzellen auf das Myelin verändert und dämpft.

Jetzt gibt es das Medikament als Alternative zum Beta-Interferon für die Behandlung der schubförmig verlaufenden MS auch in Österreich. Doch wirklich unterscheiden, welcher Patient von welchem der beiden Therapieprinzipien am meisten profitiert, kann noch niemand.
Differenzierung einzelner Formen der Erkrankung rückt in greifbare Nähe

Bei der Differenzierung einzelner "Arten" der Multiplen Sklerose (MS) setzen die Forschungsarbeiten der Abteilung für Neuroimmunologie am Hirnforschungsinstitut in Wien unter Univ.-Prof. Dr. Hans Lassmann ein. Ihnen geht es - auch - darum, die verschiedenen Erscheinungsformen der Multiplen Sklerose genauer und eindeutiger zu unterscheiden. Derzeit wird die MS nach der Charakteristik der Symptome eingeteilt: Es gibt eine seltene sehr akute Form. "Klassisch" ist die schubförmig verlaufende Multiple Sklerose, bei der sich Ruhephasen mit akuten Schüben abwechseln und langsam in die Invalidität führt. Die "sekundär progrediente" Form ist oft eine Spätvariante der schubförmigen. Hier gleiten die Patienten von der schubförmigen in eine sich ständig verschlechternde Verlaufsform. Schließlich gibt es diese Form der Erkrankung auch noch von Anfang an.

Doch was dahinter steckt, weiß derzeit noch niemand. Lassmann und seinen Kollegen ist jedenfalls gelungen, vier verschiedene Formen der MS auf Grund von Kriterien zu definieren, die auf objektiven Unterschieden der krank machenden Veränderungen im Zentralnervensystem beruhen:

- So gibt eine klassische Form, bei der "Fresszellen" und T-Lymphozyten das Myelin der Nervenfastern "auffressen" und so zum "Kabelschaden im Gehirn" führen.

- Häufig kommt auch ein Mechanismus zum Tragen, bei dem spezifische Antikörper die Myelinscheiden zerstören.

- Bei einer weiteren Form werden die Blutgefäße im Gehirn massiv geschädigt.

- Schließlich gibt es auch eine Variante, bei der es zu massiven Zerstörungen am Gewebe (Gehirn, Rückenmark) kommt.

Das lässt sich zumindest teilweise auch bereits auf die alte Einteilung umlegen. Jedenfalls dürfte die vierte Verlaufsform (Zerstörung von Gewebe) für Patienten mit primär progredienter MS typisch sein.

Der nächste Schritt ist der Versuch, Tests zu schaffen, mit denen man die einzelnen Arten der MS diagnostisch unterscheiden kann. Lassmann: "Wir versuchen jetzt, beispielsweise in der Rückenmarkflüssigkeit Marker zu identifizieren, die etwas über die Form der MS aussagen." Erst dann könnte man versuchen, individuelle Therapien zu entwickeln. (APA)

Share if you care.