"Sammlung der Nation": Alte Nationalgalerie Berlin wird wieder eröffnet

27. November 2001, 11:07
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Nach dreijähriger Restaurierung des Hauses

Berlin - "Der Deutschen Kunst 1871" - die goldene Inschrift unter dem Giebel der Alten Nationalgalerie scheint für die Ewigkeit geschaffen. Stolz zeigt sich der Kunsttempel vom hohen Sockel auf der Berliner Museumsinsel. Es ist ein symbolträchtiger Bau, den der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder am Sonntag (2. Dezember) als erstes der fünf Häuser im Museumskomplex an der Spree feierlich wieder eröffnen wird.

Wie wenige Gebäude in der Hauptstadt verkörpert die Nationalgalerie mit ihren Werken deutscher, französischer und anderer europäischer Meister aus dem 19. Jahrhundert das Selbstverständnis der Deutschen als Kulturnation, findet der Generaldirektor der Berliner Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster.

Tatsächlich war die Jahreszahl 1871 in der Giebelinschrift schon bei der Eröffnung ein Politikum. Das Haus des Schinkel-Schülers Karl August Stüler wurde bereits 1865 erbaut und 1876 von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht. Dazu ließ der Monarch am "Kulturtempel der Nation" jenes historische Datum einmeißeln, das an die im Spiegelsaal von Versailles ausgerufene Einheit des Deutschen Reichs erinnerte.

Arbeiten bis zuletzt

Noch bis zuletzt kreisen in diesen Tagen Handwerker und Museumsfachleute um Gemälde und Skulpturen, setzen Bilder Liebermanns und Menzels ins rechte Licht, holen den Glanz aus den prächtigen Marmortreppen heraus oder prägen die Namen der Förderer in Blattgold an die Wände der Empfangshalle - zuletzt jenen von Eva Laski, einer bisher unbekannt gebliebenen Dame aus Kalifornien, die per Post einen Scheck über eine Million Mark (511.292 Euro/7,04 Mill. S) schickte.

Als "nations collection" beschreibt Schuster die einzigartige Sammlung der Kunst des 19. Jahrhunderts. In den vor 125 Jahren eröffneten klassizistischen Bildungstempel kommen nun jene Kunstschätze, "die den Deutschen zeigen, was ihnen als nationaler Besitz gehört und was sie als Kulturnation ausmacht". Das war nicht immer so: Als der einstige Museumsdirektor Hugo von Tschudi ab 1896 mit dem Kauf von Bildern der französischen Zeitgenossen begann, wurde er vom Kaiser gestoppt.

"Kulturgeschichtliches Lesebuch"

Von den Werken der Goethe-Zeit über den Romantiker Caspar David Friedrich bis zur frühen Moderne um Max Liebermann und Lovis Corinth - dem Besucher öffnet sich auf drei Etagen ein "kulturgeschichtliches Lesebuch" zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg. "Es ist ein Gang durch die Kunst des 19. Jahrhunderts in einem Haus des 19. Jahrhunderts", sagt Schuster begeistert, vorbei an den Nazarener-Wandbildern aus der römischen Casa Bartholdy, den Werken Arnold Böcklins und Carl Blechens und der französischen Impressionisten Manet, Monet und Renoir. Nach mehr als einem halben Jahrhundert sind die Prachtstücke des Museums, die bisher über mehrere Häuser verstreut waren, wieder vereint für das Publikum auf drei Etagen zu sehen.

Drei Jahre lang wurde das Haus unter der Leitung des Stuttgarter Architekturbüros HG Merz restauriert. Für 133 Millionen Mark erhielt der Stüler-Bau neuen Glanz. In geduldiger Kleinarbeit holten die Restauratoren die verdeckten Materialien und Farben wieder ans Licht, die durch die Kriegsschäden und die halbherzige Renovierung zu DDR-Zeiten verdeckt worden waren. Die aufwendige Beleuchtungs- und Klimatechnik musste den Wünschen der Denkmalschützer angepasst werden.

Zu den Prachtstücken gehört der in Himmelblau getauchte Kuppelsaal im ersten Obergeschoss mit seinem golden schimmernden Sternenhimmel. Dort hin führt das prächtige Treppenhaus, entlang an dem Marmorfries, der die zentralen Gestalten der deutschen Geschichte aus Kunst, Wissenschaft und Politik aneinander reiht. In der Mitte sind die Monarchen Preußens und Bayerns vereint - für Schuster ein "frühes Zeichen des deutschen Kulturföderalismus". (APA/dpa)

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