"Terroranschläge in USA haben nichts mit Nahost zu tun"

27. November 2001, 19:53
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Michel Friedman: Behauptung, Nahostkonflikt sei Terrorursache, ist "antisemitisch"

Wien - Die Terroranschläge in den USA dürfen nach den Worten des stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Michel Friedman, nicht mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern in Verbindung gebracht werden. "Bin Laden hat das World Trade Center nicht zerstört, weil die Israelis sich mit den Palästinensern nicht einigen können, sondern weil er ein fundamentalistischer Religionsmachthaber ist", erklärte Friedman Montag Abend bei einem Vortrag in der Israelischen Kultusgemeinde in Wien. Die Behauptung, der Nahostkonflikt sei Ursache der Terroranschläge, sei "antisemitisch".

Friedman: "Wirtschaftliche Entwicklung in Palästinensergebieten extrem wichtig"

Der österreichische Politologe John Bunzl meinte, dass Osama bin Laden genauso wie der irakische Diktator Saddam Hussein vor ihm den Nahostkonflikt für eigene politische Zwecke zu instrumentalisieren versuchte.

Voraussetzung für den Frieden sei die wirtschaftliche Entwicklung in den Palästinensergebieten, erklärte Friedman. Die Schaffung eines palästinensischen Staates habe nur dann Sinn, wenn dieser wirtschaftlich auch überlebensfähig sei. Scharfe Worte richtete Friedman an die arabischen Staaten. Es handle sich um "Heuchelei" seitens der arabischen Staaten, sich mit den Palästinensern verbal solidarisch zu zeigen, jedoch nichts zur Beseitigung ihrer Armut beizutragen.

"USA hätten auf Terror seitens der Palästinenser reagieren müssen"

Bunzl erklärte, dass die israelischen Kibbuzim auf den Trümmern palästinensischer Dörfer entstanden seien. 70 bis 80 Prozent der palästinensischen Flüchtlinge seien 1948 vor jüdischer Gewaltanwendung geflohen. Für Friedman hingegen hätten die Briten und Türken vor der Gründung Israels im Jahr 1948 und unmittelbar danach die arabischen Nachbarstaaten Palästina zerstört.

Für den Politologen beinhaltete die Nahost-Grundsatzrede von US-Außenminister Colin Powell von vergangener Woche "sehr viele positive Elemente" - etwa die Forderung der Beendigung der Gewalt gegenüber Unschuldigen auf beiden Seiten und die Überwindung der Kultur des Hasses. Bei Powells Forderung nach einem Ende der "israelischen Okkupation" handelt es sich laut Bunzl um eine relativ neue amerikanische Diktion.

Die Rede von Powell berührte Friedman hingegen "sekundär". "Ich wünsche mir, die USA hätten vor Jahren auf den Terror seitens der Palästinenser genauso reagiert wie heute auf die Terrorangriffe von Bin Laden." Ob 6000 oder sechs Menschen einem Terrorangriff zum Opfer fallen sei moralisch gesehen das gleiche. Es gehe dabei um den Versuch, Werte wie Freiheit zu zerstören. Der Nahostkonflikt sei auch ein Konflikt zwischen den in Israel vorhandenen Werten wie Demokratie und den in islamischen Nachbarstaaten herrschenden Diktaturen. (APA)

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