Rasant reformieren - egal wohin?

27. November 2001, 11:20
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Die Ökonomisierung der Bildung prägt die Lehrinhalte, Bildung droht zur Ware zu werden

Salzburg - Das Öffnen der Schulen für Werbung und die Einführung der Studiengebühren an den Universitäten sind deutliche Zeichen für die Ökonomisierung der öffentlichen Bildungseinrichtungen. Wird Bildung also zur Ware? Einen klaren Trend in diese Richtung konstatierte Luise Gubitzer von der Wirtschaftsuniversität Wien kürzlich bei einem Symposium des Forums katholischer Erwachsenenbildung in St. Virgil.

Schulen und Universitäten würden für die Erbringung bisher staatlich finanzierter Leistungen immer öfter auf Drittmittel verwiesen, sagte die Professorin für Volkswirtschaft. Diese aber könnten nur aus der Wirtschaft kommen, auf die sich die Bildung auch inhaltlich immer stärker beziehe. Bei einer rein ökonomischen Sicht der Dinge werde allerdings der Beitrag der Bildung zur gesellschaftlichen Wohlfahrt übersehen. "Menschen sollten in allen Rollen ausgebildet werden, nicht nur in ihrer Rolle als Erwerbstätige", fordert Gubitzer.

Als Steigbügelhalter der Wirtschaft zur Einflussnahme auf Bildungsinhalte fungiert laut Gubitzer die Politik: "Immer häufiger sind nicht mehr Leute vom Fach in Bildungseinrichtungen tätig, sondern Manager von außen", wie etwa der Vorsitzende des Fachhochschulrates. Diese brächten gewisse Einstellungen mit, die oft unreflektiert übernommen würden.

Paradoxon

Der Erziehungswissenschafter Rudolf Egger von der Uni Graz wiederum beobachtet einen Wandel von einer arbeitszentrierten Industriegesellschaft zu einer unternehmerischen Wissensgesellschaft. Er sieht den Menschen in einem bildungspolitischen Paradoxon gefangen. Das lebenslange Lernen zur größtmöglichen individuellen und sozialen Selbstbestimmung könne dabei scheinbar nur durch permanente Abhängigkeiten erreicht werden. Alles müsse in immer kürzerer Zeit erlernbar sein. "In Anlehnung an Helmut Qualtinger könnte man sagen: Schnell muss es gehen, wohin, ist wurscht."

Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber von der Universität Wien gibt dem STANDARD zu bedenken: "Humboldts Ideen einer ,allgemeinen Bildung der Person' und der ,Bildung durch Wissenschaft' sind keineswegs obsolet, aber: Gymnasien und Universitäten haben zu wenig beachtet, dass sich im Rahmen der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte ihre Klientel und deren zukünftige Lebenswelt radikal verändert haben. Es wird ihnen nicht erspart bleiben, ihre Mission neu zu definieren und die Praxisbedürfnisse ihrer Klienten zu berücksichtigen."

Herrschen oder nicht

Die Unis sollten allerdings überlegen, ob an dem Spruch der Studentenbewegung der Sechzigerjahre "Allgemeinbildung ist die Berufsbildung der Herrschenden, Berufsbildung ist die Allgemeinbildung der Beherrschten" nicht vielleicht doch etwas dran ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 11. 2001)

Menschen sollten nicht nur als Erwerbstätige, sondern in allen Rollen ausgebildet werden, fordert Luise Gubitzer von der WU Wien. Sonst wird der Beitrag der Bildung zur gesellschaftlichen Wohlfahrt übersehen.

Von STANDARD-Mitarbeiter Stefan Tschandl
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