Ganz oder gar nicht

27. November 2001, 10:35
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Die positive Wirkung des ersten Menschenklons: Er beschleunigt die Ethikdebatte - ein Kommentar von Michael Fleischhacker

Die Herstellung des ersten Menschenklons zu Therapiezwecken - wenn es denn der erste ist - hat die erwarteten Schockreaktionen ausgelöst. Und in diesem Schock werden all die Schlagworte wiederholt, die seit eineinhalb Jahren die biopolitische Debatte dominieren: Dammbruch, ethische Grenze, Albtraum. Der Vatikan spricht sogar von einer "Niederlage für die Menschheit". Dabei handelt es sich zunächst wohl eher um eine Niederlage des Vatikans.

Wissenschaftlich-technisch ist der nun bekannt gewordene Klonvorgang keine Sensation: Es handelt sich um die klassische Variante des "therapeutischen Klonens" durch Kerntransfer. Der Kern aus einer der Zellen des Patienten wird in eine entkernte Eizelle transferiert, daraus entsteht ein Embryo. Gelingt es, ihn lange genug am Leben zu erhalten und die bei seiner Zerstörung gewonnenen Stammzellen zu kultivieren, so hat man die Chance, daraus irgendwann einen Gewebsersatz zu züchten.

Im gegenständlichen Fall ist das entweder nicht gelungen, oder es war gar nicht beabsichtigt. Der Klon ist im Sechszeller-Stadium abgestorben. Aber selbst wenn auf diesem Gebiet demnächst weitere Fortschritte erzielt werden, bleibt die Debatte, was die therapeutischen Anwendungen betrifft, hochgradig hypothetisch: Das derzeitige Maximalergebnis ist die Chance auf einen Gewebsersatz zu einem späteren Zeitpunkt, weil eben die mit körpereigenen Zellkernen hergestellten Stammzellen das Risiko von Abstoßungserscheinungen minimieren. Ob die Zellen dann auch wirklich an ihren "Einsatzort" gebracht werden können und dort die gewünschte Funktion übernehmen, weiß heute kein Mensch.

Das Hauptverdienst der Wissenschafter von Advanced Cell Technology (ACT) liegt darin, dass sie durch die Veröffentlichung ihres Klonversuchs vermutlich die ethische Debatte beschleunigen werden. Denn sie haben demonstriert, was geschieht, wenn sich, wie zuletzt in den USA, die Politik vor eindeutigen, allgemein gültigen Regelungen im bioethischen Bereich drückt: Unternehmen, die nicht von staatlichen Förderungen abhängen, schaffen einfach Tatsachen. Sie haben das bei der Etablierung von Stammzellenlinien aus überzähligen Embryonen gemacht, und sie tun es nun beim therapeutischen Klonen.

Spätestens jetzt müsste klar sein, dass es in der biopolitischen Debatte nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder man stellt sich - was vor allem aus religiöser Sicht durchaus plausibel erscheint - auf den restriktiven Standpunkt und erklärt den menschlichen Embryo für absolut schützenswert und unantastbar. Dann wäre jede Form der Erzeugung von und Forschung an embryonalen Stammzellen zu verbieten. Allerdings müssten dann konsequenterweise vom Schwangerschaftsabbruch bis zur In-vitro-Fertilisation auch viele jetzt gültige gesetzliche Regelungen revidiert und restriktiver gestaltet werden.

Oder aber man gibt endlich auch in der Stammzellendebatte zu, was man in anderen Bereichen längst stillschweigend akzeptiert: dass der Schutz, den der menschliche Embryo im Frühstadium genießt, relativ ist. Dann wäre es an der Zeit, den politischen Eiertanz um Menschenwürde und Dammbrüche aller Art aufzugeben, um klare Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen menschliches Leben zur Wahrung von therapeutischen Chancen vernichtet werden darf.

Es scheint klar, dass für den therapeutischen Einsatz eher adulte Stammzellen oder Stammzellen von "therapeutisch geklonten" Embryonen infrage kommen, weil sie die DNA des Patienten aufweisen und nicht abgestoßen werden. Die Frage lautet also: In welchem Ausmaß ist die Forschung an embryonalen Zellen nötig, um die Voraussetzung für den Einsatz adulter Stammzellen zu schaffen?

Klare Regeln, die sich an dieser Notwendigkeit orientieren, wären wohl auch unter moralischen Gesichtspunkten eher zu vertreten als die institutionalisierte Doppelmoral, die derzeit herrscht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 11. 2001)

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