Papyrus- und Schubertsammlung als "Memory of the World" ausgezeichnet

27. November 2001, 14:30
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"Niemand wird sich künftig erlauben können, solche Sammlungen verludern zu lassen"

Wien - Am Dienstag überreichte der Stv. Generaldirektor der UNESCO, Abdul Waheed Khan, im Wiener Rathaus die offiziellen Urkunden, mit denen die Papyrus-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek und die Schubert-Sammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek zum "Memory of the World" erklärt werden. Die Entscheidung zur Aufnahme in die dem Weltkulturerbe-Programm der UNESCO nachempfundene Liste war im vergangenen Juni in Südkorea gefallen.

Die Papyrus-Sammlung der Nationalbibliothek ist mit 180.000 Objekten aus den Jahren 1500 vor bis 1500 nach Christus die größte der Welt. Die Sammlung geht auf Erzherzog Rainer zurück, der große Papyrusbestände aufkaufte, die 1878 in einer ägyptischen Oase gefunden worden waren. Die Archive des antiken Krokodilopolis hatten sich im trockenen Klima Ägyptens erhalten. 1899 schenkte Rainer seine Kollektion Kaiser Franz Joseph zum Geburtstag.

Die wertvollen Bestände, die Aufschluss über das damalige Alltagsleben geben ("Es gibt keine antike Quelle, die so über das normale Leben berichtet wie unsere Papyri", so Sammlungs-Leiter Hermann Harrauer), sind heute erst zu einem Bruchteil aufgearbeitet. Zu den Objekten der Sammlung zählt etwa ein Chorlied aus dem "Orestes" von Euripides, um 180. v. Chr., das als der Welt älteste Partitur gilt, oder das älteste bekannte Strafmandat aus dem 7. Jahrhundert - die Bestätigung dafür, dass der Ölhändler Theophilos dafür Strafe zahlen musste, dass er ein Kleidungsstück einfach auf die Straße geworfen hatte.

Die Schubert-Sammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek gilt weltweit als die größte Kollektion von Schubertiana. Sie umfasst rund 340 Notenautographe, eine fast komplette Kollektion der Erstdrucke sowie zahlreiche weitere Schriftstücke, Dokumente und eine umfangreiche Literatur-Sammlung zu Schubert. Die Sammlung geht auf ein Legat des Mäzens Nikolaus Dumba von 1900 zurück. In der Folge wurde davon ausgehend die Musiksammlung der Wiener Stadtbibliothek auf- und die Schubert-Sammlung mit zahlreichen Neuerwerbungen konsequent ausgebaut. Musiksammlungs-Leiter Thomas Aigner hofft vor allem darauf, dass die Auszeichnung künftig bei der Suche nach Sponsoren helfen könne. Diese wären für den Ankauf weiterer Dokumente sowie für die Finanzierung von späteren Konservierungs-Maßnahmen unerlässlich.

In das "Memory of the World"-Programm werden hervorragende Dokumente bzw. ganze Sammlungen aufgenommen. Das "Gedächtnis der Welt" umfasst derzeit rund 70 Objekte, von mexikanischen Codices bis zum Archiv des Warschauer Ghettos. Bisher gab es drei österreichische Eintragungen: den "Wiener Dioskurides" aus dem Besitz der Nationalbibliothek (eine pharmakologische Abhandlung eines Arztes aus der Antike), die Schlussakte des Wiener Kongresses aus dem Bestand des Österreichischen Staatsarchivs sowie den historischen Bestand des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die nächste Erweiterung des Welt-Gedächtnisses erfolgt in zwei Jahren. (APA)

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