US-General Anthony Zinni: Ledernacken geht in die Diplomatie

26. November 2001, 19:19
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Kurz vor seiner Pensionierung als Oberbefehlshaber des U.S. Central Command - der US-Truppen in Afrika und im Mittleren Osten - im Jahr 2000 sagte General Anthony Zinni bei einem Abschiedsdinner im U.S. Naval Institute einen denkwürdigen Satz: "In irgendeiner Stadt irgendwo in der Welt, wo viele Amerikaner an einem Platz sind, wird es ein neues Pearl Harbour geben." Nach dem 11. September wurde der 58-Jährige als Berater für die Terrorismusbekämpfung ins Außenministerium geholt, nun schickt ihn Washington als neuen Vermittler nach Israel.

Als "großen Unbekannten" bezeichneten ihn dort israelische Diplomaten am Vorabend der ersten US-Nahostmission seit dem Abgang Bill Clintons. Tatsächlich hat Zinni mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt bisher nichts zu tun gehabt, die Araber, namentlich die Iraker, kennen ihn aber sehr gut. Der Nachfolger von Norman Schwarzkopf und Vorgänger von Tommy Franks als Befehlshaber der amerikanischen Truppen am Persischen Golf leitete im Dezember 1998 den bisher letzten großen Militärschlag gegen Saddam Hussein.

Dass ihn das in Israel nicht a priori vertrauenswürdig und beliebt macht, liegt daran, dass Zinni mittlerweile als Kenner und Liebhaber arabischer Kultur gilt: Er spricht Arabisch und hat sich als Hobby die arabische Falkenjagd zugelegt. Der Wunschprototyp des "modernen Soldaten" - das heißt mehr Hirn als Muskeln - hat auch keine simplizistische Einstellung zum Irak: Zwar nennt er Saddam einen "großen Verbrecher", verübelte Clinton aber gleichzeitig dessen unkritische Unterstützung der fragwürdigen irakischen Opposition und warnte ihn - analog zur "Schweinebucht" - vor einer "Ziegenbucht" am Golf.

Ebenso differenziert sah der Exmarine schon Mitte September den zu erwartenden Antiterrorkrieg: "Eine militärische Annäherung à la Strike and Leave (Zuschlagen und Weggehen) wird das Problem nur perpetuieren." Dass er über die konventionelle Militärdoktrin hinaus ist, hat er auch als Verfasser der "Zwanzig Lektionen", eines Leitfadens für Einsätze, bewiesen.

Tony Zinni, verheiratet, drei erwachsene Kinder, wurde als Sohn italienischer Einwanderer in Pennsylvania geboren. Als Kind war er viel krank, schaffte aber durch Training und Disziplin den Weg zu den "Ledernacken", nachdem er als Erster seiner Familie ein College absolviert hatte. Beim zweiten Einsatz in Vietnam 1970 wurde er verwundet. Nach Ende des Kalten Krieges, als Vier-Sterne-General, hatte er mit den heikelsten, nicht immer ruhmvollen US-Einsätzen zu tun: nach dem Golfkrieg mit der Hilfsaktion für die Kurden im Nordirak, später in Somalia. 1997 übernahm er das Central Command. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 27.11.2001)

Gudrun Harrer
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