Klärungen am Rande der Stille

26. November 2001, 20:34
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Markus Hinterhäuser versenkte sich bei Wien Modern in das Werk von Morton Feldman

von STANDARD-Mitarbeiterin Beate Hennenberg

Wien - "Lasst das Klavier in Frieden! Das Klavier kann nichts dafür. Es liegt daran, was die Leute für Klavier schreiben!", pflegte Morton Feldman unwirsch auf die Studenten-Frage, warum er sich noch immer mit dem "antiken Möbel" beschäftige, zu antworten. Auch das Festival Wien Modern gibt keinen Frieden. Aber auch Feldman, dessen gesamtes Klavierwerk an zwei Tagen erklang, hätte in diesem Fall wohl keinen Einspruch erhoben.

Pianist Markus Hinterhäuser bot in gesammelter Gelassenheit und Sanftheit Gewaltiges fürs Abstraktionsvermögen an: ein Heer aus zu entschlüsselnden Metaphern. Die Klarheit und Neutralität des Klaviertons, seine "nüchterne Aussperrung expressiv wabernden Überschwangs" (Peter Niklas Wilson) haben Feldmans Klangvorstellung beim Komponieren geprägt. Doch nicht nur geheimnisvoll, ephemer und glasklar ist Morton Feldmans Musik; vor allem ist sie extrem leise - sie balanciert am Rande der Stille entlang. Und das dermaßen, dass aus der einen oder anderen Reihe kleine Schnarchtöne zu hören waren . . .

Am ersten Abend hatte Raoul Mörchen in einem Vortrag festgestellt, dass Feldmans innovative und experimentelle Musik stark inspiriert ist von zeitgenössischen Malern wie De Kooning und Jackson Pollock. Andere bildende Künstler wie Guston, Rauschenberg, Johns oder Rothko brachten ihn dazu, Klänge analog zu deren Strukturierungsverfahren zu suchen. Und dazu, endlich den Schmelz zwischen den Tönen, sprich die abendländische Harmonik, wegzulassen. Teilweise feierten die frühen Klavierstücke wie Variations (Begleitmusik zu einem Solo Merce Cunninghams), Preludio, Three Dances, Nature Pieces (entstand ursprünglich als Musik für eine Choreografie) oder First Piano Sonata im Museum moderner Kunst ihre (europäische) Erstaufführung.

Von großer Reduktion ist Feldmans letztes Klavierstück geprägt, das Markus Hinterhäuser ganz im Sinne der Auftraggeberin Bunita Marcus aufführte: In Palais de Mari, bestehend aus kleinen Modulen und Patterns, die auftauchen, abtauchen, regellos und doch nicht chaotisch, entfaltet sich die Magie des Spätwerkes. Folgt man der Spur der Töne, so glaubt man, es habe nie eine Geschichte der Tonalität, nie ein Gesetz der Oktavidentität gegeben.

Mit dieser Preisgabe der für das abendländische Musikdenken so zentralen Kategorie der Richtung und der Intention hat Morton Feldman, der 1987 starb, ein Tabu europäischer Wertästhetik nachhaltig berührt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11. 2001)

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