Die trügerische Hoffnung

27. November 2001, 11:58
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Karl-Markus Gauß, Ehrenpreisträger des österreichischen Buchhandels, im STANDARD-Interview

Im Wiener Rathaus begann gestern die Österreichische Buchwoche. Zum Auftakt ging der "Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln" an Karl-Markus Gauß. Michael Cerha sprach mit ihm.


Wien - Als Publizist und Essayist hat sich Karl-Markus Gauß für die Darstellung und Vermittlung des Kulturraumes Mitteleuropa eingesetzt. Als fundierter Kenner des gegenwärtigen Schreibens gibt er in Salzburg seit Jahren die Zeitschrift Literatur und Kritik heraus. Als engagierter Intellektueller hat er sich nicht zuletzt immer wieder an der öffentlichen politischen Debatte beteiligt. Seine nicht immer allseits auf Anklang gestoßene Devise hieß dabei "Keine Denkverbote", verbunden mit der Warnung davor, dass im Lager der Gegner der schwarz-blauen Regierung derselbe unkritische "Schulterschluss" eingefordert wird, den man auf der anderen Seite verurteilt.

STANDARD: Den Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln erhielten vor Ihnen Christine Nöstlinger, Josef Haslinger oder H. C. Artmann, Hugo Portisch, Kardinal König oder Sir Peter Ustinov. Ist es die Toleranz, die all diesen Preisträgern gemeinsam ist, oder bedarf es der Toleranz, um da irgendeine Gemeinsamkeit zu erkennen?

Gauß: Die Gruppe der bisherigen Preisträger ist denkbar heterogen. Es gibt für mich aber keinen darunter, von dem man sich distanzieren müsste. Mit einem, nämlich mit Gerhard Roth, habe ich manche Querelen gehabt, einmal sogar knapp unter der Gerichtsan hängigkeit. Aber ich räume schon ein, dass auch er seine Toleranz, von ganz anderem ausgehend, durchaus verfochten hat. Nur ist meine Auffassung von Toleranz eine ganz andere. Ich glaube, dass man sie von christlicher Nächstenliebe und auch von Solidarität unterscheiden muss. Ihr größter Feind ist die Gleichgültigkeit. "Anything goes" ist kein Prinzip der Toleranz.

STANDARD: Der Name des Preises, den Sie erhielten, wirft nicht nur die Frage nach dem Wesen der Toleranz auf, sondern auch die Frage nach ihrem Ort. Ist Toleranz wirklich im Denken angebracht? Oder nicht vielmehr erst in der Haltung, mit der man das eigene Denken vertritt und das Denken anderer gegebenenfalls respektiert?

Gauß: Sicher. Es gibt eine Freiheit, eine Unabhängigkeit des Denkens, aber keine Toleranz des Denkens. Denken muss radikal und kompromisslos sein. Toleranz kann erst einsetzen, wenn es darum geht, das eigene Denken zu dem von anderen in Verbindung zu setzen. Sie setzt eine Begabung für Konflikte voraus. Toleranz kann sich als wichtige soziale Tugend nur entfalten, wo bestimmte gesellschaftliche Widersprüche stark vorhanden sind.

STANDARD: Bedeutet Toleranz in Österreich schon, die Literaturen der Nachbarländer wahrzunehmen, oder worin besteht eigentlich Ihre Toleranz?

Gauß: Ich glaube, dass ich in Literatur und Kritik immer auch Texte publiziere, die dem, was ich selbst literarisch und politisch für richtig halte, widersprechen, von denen ich aber überzeugt bin, dass sie eine öffentliche Wahrnehmung verdienen. Mein Inter_esse für die Literatur und die historischen Schicksale unserer Nachbarländer hängt mehr damit zusammen, dass es mir Spaß macht, Dingen nachzuspüren und dafür einzutreten, die nicht ohnedies schon ihren Sieg im Feuilleton davongetragen haben.

STANDARD: Mit Konrad Paul Liessmann, Robert Menasse und wohl auch Rudolf Burger zählten sie nach dem Februar 2000 zu jenen, die der schwarz-blauen Koalition zugestanden, nicht undemokratisch zustande gekommen zu sein. Das führte zu Kontroversen jenseits aller Toleranz.

Gauß: Ich glaube, dass ich mit Liessmann, Menasse oder Burger viel mehr Differenzen habe, als das durch eine oberflächliche Zuschreibung behauptet wurde. Ich finde mich eher in vielem wieder, was deren publizistische Gegner meinen, nur mit zwei grundlegenden Unterschieden. Erstens scheint es mir viel wichtiger, die soziale Verrohung zu sehen, die diese Regierung repräsentiert, als immer nur die freiheitlichen Schlenkerer in die NS-Diktion zu bewerten.

Es steht nicht die NS-Machtergreifung in Österreich auf dem Programm, sondern eine Brutalisierung, die auch viele Inländer zu Ausländern im eigenen Land macht. Zweitens gibt es in der intellektuellen Debatte in dieser Gruppe eine geisttötende, biedersinnige Tendenz zum Konformismus. Da existiert ein starker Gruppendruck, dass alle immer dasselbe sagen, und dass kleine Abweichungen davon schon als Verrat, Wendeverhalten oder Anbiederung stigmatisiert werden.

STANDARD: Ist es Toleranz, was da fehlt, oder anderes?

Gauß: Evident ist: Die Hoffnung, die ab Februar 2000 geäußert wurde, dass die öffentliche Debatte nun an intellektueller Schärfe gewinnt, hat getrogen. Die Debatte ist nicht schärfer geworden, sondern nur gereizter. Sie hat dabei uralten österreichischen Klischees Auftrieb gegeben. Aus einem geschlossen negativen Bild lässt sich keine demokratische Perspektive entwickeln. Wenn wir immer schon Nazis waren und gewissermaßen genetisch geblieben sind, woher sollen wir dann die Kraft finden, es anders zu machen? Deshalb bemühe ich mich, in unserer Geschichte und Kultur immer wieder Leute und Epochen zu finden, an die wir uns im positiven Sinn "anschließen" können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11. 2001)

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