Die Rückkehr des Königs

27. November 2001, 15:44
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Die feindlichen Übernahmen von Olivetti/Telecom Italia und Montedison drehen die Uhren der italienischen Wirtschaft auf Familienkapitalismus zurück - die internationalen Partner sind entsetzt.

Gianni Agnelli ist in Italien das Individuum, das der Vorstellung von Royalität am nächsten kommt. Die Presse hängt an seinen Lippen, ganz egal, ob er über Wirtschaft, Politik oder Fußball spricht, und wenn er dem Premierminister - wer immer das gerade sein mag - etwas zu sagen hat, dann hört dieser geflissentlich zu. Wenn aber Agnelli der König ist, dann war Enrico Cuccia der Königsmacher.

Salotto buono

Der im letzten Jahr verstorbene legendäre Kopf der Mediobanca, von einem Günstling als Mann mit den Tugenden eines mittelalterlichen Mönchs beschrieben, aber durchaus fähig, für einen guten Grund zu töten, fädelte die Deals ein, die den "salotto buono" zusammenhielten - was salopp übersetzt so viel wie "gute (Kinder-)Stube" bedeutet -, der angesiedelt ist zwischen elitärem Club und schnödem Interessenverband norditalienischer Industrieller. Dieses byzantinische Geflecht aus Cross-Shareholdings, Großaktionärsabsprachen und Familienbanden funktionierte bis Mitte der 90er-Jahre reibungslos.

Zu diesem Zeitpunkt etwa begann das Bündnis Agnelli/ Cuccia zu bröckeln. Ab da warf Mediobanca ihr Gewicht auf die Seite des Outsiders Roberto Colaninno, der erst Carlo De Benedetti vom Olivetti-Thron stieß, um dann mit der Übernahme von Telecom Italia im Revier der Agnellis zu wildern, die zwar nur 0,8 Prozent der Anteile hielten, de facto aber das Unternehmen kontrollierten.

Colaninno, der Up-start, wurde zur Ikone einer neuen Generation von italienischen Unternehmern, die auf ihn ihre Hoffnungen und Träume von der Entmachtung der alten Garde und ihres Königs Agnelli projizierten.

Doch Colaninnos Stern sollte nur kurze Zeit leuchten. Es zeigte sich, dass er in der Wahl seiner Gönner keine glückliche Hand hatte. Cuccia verstarb, und Massimo D'Alema, sein politischer Rückhalt in Rom, wurde von Silvio Berlusconi abgelöst. Agnelli hatte im Wahlkampf auf den Medienboss gesetzt, der kurz zuvor in einem offenen Konflikt um die Kontrolle von TeleMonteCarlo Colaninno unterlegen war.

Und Agnellis Kalkül, dass daraus keine große Liebe mehr gedeihen würde, ging auf. Aber auch der Markt wandte sich gegen Colaninno. Olivetti und Telecom-Italia-Aktien stürzten im freien Fall und Colaninnos Übernahme-Finanziers, ein Konsortium von 175 geldgeilen Investoren aus Mantua, die die Aussicht auf schnelles Geld angelockt hatte, bekamen kalte Füße.

Der Vorhang für Colaninno fiel endgültig, als sich Pirellis charismatischer CEO Marco Tronchetti Provera, allgemein bekannt als "der Kronprinz", und Gilberto Benetton zusammentaten und unter dem wohlwollenden Auge von Agnelli ein Sechs-Milliarden-Euro-Paket schnürten, das ihnen erlaubte, 23 Prozent von Olivetti zu erwerben, das wiederum 55 Prozent von Telecom Italia hält.

Und Vincenzo Maranghi, Mediobancas neuer Mann, musste tatenlos zusehen, dass bei dem Deal sein Bankhaus außen vor blieb. Und um die neuen Machtverhältnisse auch crossshareholdmäßig zu manifestieren, kaufte sich Pirelli bei Edilnord ein, einer Immobiliengesellschaft die Teil von Berlusconis Familienholding Fininvest ist.

Laut Analysten wirft es ein bezeichnendes Licht auf Italiens unterentwickelte Corporate-Kultur, wenn mit sechs Mrd. EURO (82,561 Mrd. S) die Kontrolle über ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisation von 65 Mrd. EURO (894,42 Mrd. S) erkauft werden kann.

Auch Tronchetti Proveras Ankündigung, die Strukturen beider Unternehmen auszudünnen und transparenter zu machen, wird eher skeptisch aufgenommen, denn die neuen Besitzverhältnisse sind so undurchsichtig wie die alten und beruhen zu großen Teilen auf "Cascade-Shareholdings". "Das ist keine Änderung des Managementstils, sondern die Ersetzung eines Clans durch einen anderen", so die Meinung internationaler Börsenbeobachter. Und die Kursentwicklung gab ihnen Recht - die Kurse fielen - und trieb den Kleinanlegern die Zornesröte ins Gesicht.

Olivetti/Telecom Italia und Montedison waren die größten Milliarden-Euro-Deals Italiens. Aber die eigentliche Signifikanz liegt nicht im Finanzvolumen, sondern in der Symbolik für die Wirtschaft des Landes, denn es bedeutet: Der König ist samt Kronprinz zurück, und zum Teufel mit den Kleinaktionären! (DER STANDARD, Print-Ausgabe)


von Hannelore Gude-Hohensinner
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