Koketterie mit der Unschuld

8. März 2002, 21:57
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Stereo Total: Musik aus dem Spielzimmer

Es macht Spaß, Spaß zu haben
Im Wahnsinn
Liebe, Vorsicht, wir werden leiden
(Stereo Total: Supercool)

Das Charmante an Stereo Total ist diese Koketterie mit der Unschuld, dem Dilettantismus, mit musikalischem Billig-Sound, der Mischung von deutscher und französischer Sprache. Seit über acht Jahren bereits fabrizieren Françoise Cactus und Brezel Göring ihre spezielle Art von "Spielzimmer-Musik". Über die Anfangszeit meint die singende Frontfrau Francoise: "Zu dieser Zeit war unsere Musik ein bisschen bizarr", – und das ist sie zum Glück auch noch heute. Viel Orgel, Synthesizer, Gitarre und Schlagzeug. Die Spielzeugkiste ist groß: von den 60ern durch die 80er, Serge Gainsbourg, Lo-Fi-Garagensound, Disco, New Wave, Punk,... "Wir vergreifen uns an tausend Stilen und machen irgendwelchen Scheiß damit", erklärt Françoise die Spielanleitung. Und wie bei jedem Spiel geht es um Spaß. Den haben Brezel - der auf der Bühne Laufstrecken zurücklegt, die nur Nena übertrifft (Diese hatte aber nie eine Leidenschaft für freudige Hampelmannsprünge) – und Françoise auf alle Fälle, und meist auch die Menschen bei ihren Konzerten.

Auf ihrem fünften Album "MUSIQUE AUTOMATIQUE" (Bungalow/Virgin) setzen sie auf das Konzept der Konzeptlosigkeit. Bei Stereo Total zelebriert man gern den Widersinn. So erklärt Francoise ihre Texte oft damit: "Die Zeile war so blöd, die musste ich einfach nehmen." "MUSIQUE AUTOMATIQUE" beinhaltet "euphorique / barbiturique / chaotique / romantique..." Der Titel ist ein Verweis auf den Surrealismus. Die Wortkonstruktion erinnerte Françoise an "Ecriture Automatique", die Aneinanderreihung von Buchstaben und Wörtern ohne Diktatur der Rationalität, und dieser unterlagen Stereo Total ohnedies nie.

Das ist total out
das ist Hippie-Shit
aber ich sage es laut
ich liebe Liebe zu dritt
(kommunistisches Liebeslied - Liebe zu Dritt)

In Spielzimmern geht es mitunter auch heftig zu: Da werden Enttäuschungen, zerstörte Idealbilder – wie etwa jene von Brigitte Bardot – verarbeitet. Françoise: "Ich hab ein total gespaltenes Verhältnis zu Brigitte Bardot. Als ich jung war fand ich sie wunderschön... Ich finde sie als Sängerin grandios..., aber sie ist furchtbar, gibt nur Idiotien von sich. Ist netter zu Hunden als zu Ausländern..." Und so wird ´Le diable´ (das auch von Brigitte Bardot interpretiert wurde) zu einer "Death Metal-Version" umgewandelt.

Und obwohl Stereo Total – wie zu ihrer Anfangszeit – eigentlich wieder ein Duo sind, dürfen andere gerne mitspielen. So mischt sich etwa bei "Cleptomane" der Hamburger Orgel-Noise-Mensch Felix Kubin ein. Und die Produktion des Albums "MUSIQUE AUTOMATIQUE" gab man an Elektronikmusiker Cem Oral (Jammin Unit, Air Liquide, Ultrahigh) ab . Am Klang änderte das nicht viel: Stereo Total stehen weiterhin für spaßigen Trash-Pop. Es bleibt bei:

Sensationen
Vibrationen
Disco-Kugeln
Stroboskope
(Party Anticonformiste)

von Pia Feichtenschlager
28.11.2001

Françoise Cactus auf dieStandard.at

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