BSE-Gefahr gebannt?

26. November 2001, 12:13
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Obwohl BSE in letzter Zeit aus den Schlagzeilen verschwunden ist, besteht kein Anlass zur Entwarnung. Der Wiener Neuropathologe Prof. Herbert Budka spricht im Interview mit mymed.cc über die neuesten Erkenntnisse zur tödlichen Prionen-Erkrankung.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Professor Budka, der britische Epidemiologe George Venters stellt den Zusammenhang von BSE und Erkrankungen des Menschen in Frage. Muss die BSE-Forschung nun eine völlig neue Richtung einschlagen?

Budka: Keineswegs, die Arbeit von George Venters hat zwar Aufsehen erregt, zeigt aber große wissenschaftliche Schwächen. Gemeinsam mit anderen Prionenforschern habe ich gerade einen Antwortbrief zu Venters verfasst, der demnächst abgeschickt wird, und der die Sachlage wieder ins rechte Licht rückt. Faktum ist, dass weiterhin alle bisherigen Erkenntnisse auf BSE-Prionen als Ursprung der Variante der menschlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) hinweisen.

Mymed: Die Anzahl der an vCJK Erkrankten steigt in England nicht mehr so stark an wie noch vor einem Jahr. Haben wir das Schlimmste überstanden?

Budka: Derzeit gibt es in England 112 bekannte BSE-Opfer, und die Verdoppelungszeit beträgt nach den heutigen Beobachtungen etwa drei Jahre. Dieser Anstieg ist nicht so explosiv wie befürchtet, sodass wir derzeit von einer Gesamt-Opferzahl von mehreren Hundert bis einigen Tausend Opfern ausgehen. Die angedachten Horrorszenarien scheinen sich momentan nicht zu bestätigen. Dennoch können wir das noch immer nicht mit Sicherheit behaupten, da uns noch zu wenig Untersuchungsdaten zur Verfügung stehen.

Mymed: Wie ist der aktuelle Stand der Forschungen bezüglich Diagnostik und Therapie der menschlichen BSE-Variante?

Budka: Gerade in der Diagnostik ist eine Reihe von vielversprechenden Verfahren in Entwicklung. Alle warten natürlich auf einen Bluttest. In ein bis zwei Jahren wissen wir, ob die heute entwickelten Tests tauglich sind. In der Therapie bin ich nicht mehr so hoffnungslos wie noch vor fünf Jahren, auch da gibt es vielversprechende Ansätze. Da wir aber wegen der geringen Anzahl an Erkrankten und dem heute noch unweigerlich tödlichen Verlauf dieser Krankheit keine kontrollierten Studien im klassischen Sinne durchführen können, liegt der Zeithorizont für eine wissenschaftlich abgesicherte Therapie noch in ferner Zukunft.

Mymed: Muss eine bestimmte genetische Veranlagung vorhanden sein, um an BSE zu erkranken?

Budka: Wir haben bisher eine Reihe von genetischen Suszeptibilitätsfaktoren bestimmt, die bestimmte Menschen für BSE anfälliger machen als andere, bei denen diese Faktoren fehlen. Diese Untersuchungen sind aber wenig aussagekräftig, da der wichtigste Suszeptibilitätsfaktor bereits bei 40 Prozent der Bevölkerung zu finden ist. Außerdem heißt es noch lange nicht, dass jemand mit dieser Veranlagung sicher erkranken wird, und dass jemand ohne diese Veranlagung nicht erkranken kann.

Mymed: Herr Professor Budka, Österreich gilt bisher als BSE-freies Land. Wird das Ihrer Einschätzung nach so bleiben?

Budka: Es ist richtig, dass in Österreich ein relativ geringes lokales BSE-Risiko besteht. Dennoch kann man nicht ausschließen, dass in den nächsten Jahren das eine oder andere BSE-kranke Rind gefunden wird, da wir ja eine Zeitlang auch Kadavermehl und Milchaustauscher aus EU-Ländern importiert haben. Bisher wurden an die 200.000 Tests durchgeführt, bei denen kein krankes Tier gefunden wurde. Jetzt werden Stimmen laut, die eine Abschaffung der Tests fordern. Das wäre meiner Meinung nach aber ein schwerer Fehler.

Mymed: Wer will die Abschaffung der BSE-Tests?

Budka: Einige Landesfinanzreferenten machen Druck auf den Sozialminister, dass er im nächsten Jahr die Tests abschaffen soll. Nach dem Motto: "Guat is' g'angen, nix is g'schehn, warum sollen wir jetzt noch was riskieren und Geld rausschmeißen?" Nach dem EU-Recht wäre das sogar erlaubt, da Österreich bezüglich des BSE-Risikos als Kategorie 2-Land gilt. Dazu kann ich nur sagen, dass der Schaden, wenn dann ein krankes Rind gefunden wird, enorm sein wird. Meiner Meinung nach sollte man die Tests beibehalten und als Qualitätsmerkmal verstehen. Soviel ich gehört habe, sind nicht zuletzt deshalb die Exporte von österreichischem Rindfleisch angestiegen.

Mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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