Mehr Sprech- als Schreibprobleme

25. November 2001, 21:10
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Verlernen Österreichs Schüler Deutsch? Fünf Sprachexperten in einer STANDARD-Diskussion

Wien - "Im 19. Jahrhundert galt jemand als Literat oder Nichtanalphabet, wenn er seinen Namen richtig schreiben konnte. Und heute?" Karl Blüml, Rechtschreibreformer und Leiter der Abteilung AHS im Wiener Stadtschulrat, versuchte schon zu Beginn, falsche Eindrücke zurechtzurücken. Blüml: "Unsere Kinder können im Schnitt gut Deutsch." Entscheidend sei, dass die Anforderungen der Gesellschaft rasant gestiegen seien.

Mit Blüml diskutierten Donnerstagabend bei der vom STANDARD organisierten Veranstaltung "Können die Schüler noch Deutsch?" im Haus der Musik: Herbert Fussy, Chefredakteur des Österreichischen Wörterbuches, Heidi Schrodt, Direktorin des Wiener Bundesrealgymnasiums Rahlgasse, Werner Pfannhauser, Obmann der Interessengemeinschaft Muttersprache in Österreich und Professor an der TU Graz, sowie Monika Thum-Kraft, Psychologin und stv. Geschäftsführerin des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft.

Letztere meinte, dass das Augenmerk oft zu sehr auf die geschriebene Sprache gelegt werde. Probleme gebe es eher in der mündlichen Kommunikation: "Wir sehen Schulabgänger, die können Telefonate nicht beantworten." Hier müsse man ansetzen und die Schüler "reden lassen": "Es ist schlimmer, gar nichts zu sagen, als mit dem falschen Fall."

Diese Meinung konnte und wollte "Sprachschützer" Pfannhauser nicht teilen. Schließlich sei "die eigene Sprache auch Kultur und Heimat. Man sollte sie gut beherrschen". Er wandte sich auch entschieden gegen die Anwendung englischer Ausdrücke. "Wollen wir einen Bastard aus zwei Sprachen?" Englische Ausdrücke gehörten - aber "mit Augenmaß" - ersetzt. Seine Beispiele: Statt Homepage Leitseite und statt E-Mail E-Post verwenden.

"Auch Primetime ist ein entsetzliches Wort", sagte der Chefredakteur des Österreichischen Wörterbuches, Fussy. Doch sei dessen Verwendung nicht schlimm, weil es sich nur um eine Modeerscheinung handle. Für ihn sind die Deutschkenntnisse der Kinder nur ein "Spiegelbild von jenem der Eltern und Lehrer". Ein hoher Anteil motivierter Lehrer würde "Früchte tragen".

Vielfach werde gutes Deutsch nur über die Grammatik und Rechtschreibung definiert, ergänzte Deutschlehrerin Heidi Schrodt. Ziel des Unterrichts müsse sein, Deutsch situationsadäquat zu beherrschen. In der Schulpraxis könne sie keine Verschlechterung der Deutschkenntnisse feststellen. Fehler sieht sie jedoch bei den Unis: Diese würden den Schulen an der Nahtstelle zum Studium nicht entgegenkommen und "sagen, was sie wollen". Außerdem sei die Ausbildung der Deutschlehrer in linguistischer Hinsicht mangelhaft.

Thema der Diskussion waren weiters die neueren Formen der Kommunikation, also E-Mail und SMS. "Internet und E-Mail werden unterschätzt", meinte Karl Blüml. Denn "beides heißt lesen und schreiben". Für Sprachexperte Fussy kommen E-Mails der gesprochenen Sprache am nächsten. Es sei eine neue Fachsprache entstanden, die besonders von Jugendliche beherrscht werde.

Die Probleme lägen ganz woanders, wandte eine Lehrerin einer berufsbildenden Schule aus dem Publikum ein. Etwa bei der hohen Anzahl von Schüler mit nicht deutscher Muttersprache. Dazu meinte der angesprochene Stadtschulratsvertreter Blüml: Diese Kinder müssten durch Förderprogramme möglichst rasch Deutsch lernen können. Er räumte allerdings ein, dass dafür oft Ressourcen fehlten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 11. 2001)

Chatten, E-Mail und SMS sind die Medien der Jugendlichen. Verlernen Österreichs Schüler Deutsch? Wie gut sind ihre Sprachkenntnisse überhaupt? Diesen Fragen stellten sich fünf Sprachexperten in einer STANDARD-Diskussion.

Von Peter Mayr

STANDARD- Diskussionsreihe:

29. 11.: "Macht Latein noch Sinn?"

6. 12.: "Ethikunterricht statt Religion?"

Ort: Palais Trauttmansdorff, Herrengasse 21, 1010 Wien

Beginn: 19.30 Uhr
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