Über die Neigung, die Wahrheit zu sagen

25. November 2001, 20:38
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Theodor Reiks Vorlesungen über "Geständniszwang und Strafbedürfnis"

Im Januar 1925 erschienen in Wien Theodor Reiks Vorlesungen über "Geständniszwang und Strafbedürfnis". Im selben Jahr drohte dem Autor selbst die Anklagebank. Er war Opfer einer Anklage wegen Kurpfuscherei geworden, weil er als Nichtarzt Psychoanalyse ausübte. Ein Patient, der sich geschädigt glaubte, hatte den Stein ins Rollen gebracht. Freud nahm dies zum Anlass, öffentlich die Frage, "ob es auch Nichtärzten erlaubt sein soll, die Analyse auszuüben", mit einem vernehmlichen Ja zu beantworten. Seine Schrift Die Frage der Laienanalyse (1926) ist ein brillantes Plädoyer für den Philologen Reik.

Der war 1910 als Germanist und Romanist zum Kreis um Freud gestoßen, hatte zwei Jahre später eine Dissertation über Flaubert und seine Versuchungen des heiligen Antonius vorgelegt, die er in seinen Erinnerungen zur "ersten psychoanalytischen Doktorarbeit in Europa" erklärt. Alfred Kerr, dem die gedruckte Dissertation gewidmet ist, nennt es in seiner Vorrede ein "Menschenbelegstück". Reik wollte nun Medizin studieren, doch Freud riet ihm, sich stattdessen den psychoanalytischen Studien zu widmen, schlug ihm vor, eine psychoanalytische Monographie über Zola zu schreiben und unterstützte den armen Philologen mit einem Stipendium. Berühmt geworden ist Reik, den Alexander Mitscherlich 1972 einen der unterschätzten "Titanen" der frühen Psychoanalyse nennt, dann durch sein zweites Buch über den von ihm verehrten Arthur Schnitzler, das später zum "Eckpfeiler" der psychoanalytischen Schnitzler-Forschung erklärt wurde. In der Berliner Schaubühne wurde er (1913) in einer Glosse dagegen zum "illegitimen Liebhaber der Psychoannaliese" ausgerufen, der "ein tiefgründiges Werk" über den Autor geschrieben habe, "wie wenn dieser Schnitzler zu ihm in die Sprechstunde gekommen wäre, um geheilt zu werden".

Reiks zehn Vorlesungen für Psychoanalytiker in der Ausbildung, Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse und der Kriminologie, sind zwar kein stilistisches Meisterwerk wie die Vorlesungen Freuds, störend ist zudem ein patriarchaler Blick, mit der beispielsweise allein die Rolle des Vaters bei der Gewissensbildung des Kindes wahrgenommen wird, aber sie sind immer noch eine außerordentlich spannende Lektüre, zumal Reik seine Darlegungen mit kriminalistischen Fallgeschichten, erotischen Beispielen und Witzen verbunden hat.

Die Vorlesungen erinnern an den ersten Band von Michel Foucaults Studie über Sexualität und Wahrheit: Beide arbeiten eine umfassende Geständnis- und Beichtkultur heraus. Doch während Foucault dies als die Machtstrategie der Individualisierung beschreibt, die den Beichtenden mit dem Versprechen der Erlösung, der Befreiung und der Heilung ködert (einer Heilung durch Wörter), wird in Reiks Vorlesungen die überall diagnostizierte Neigung zum Geständnis positiv gefasst als Weg der Selbsterkenntnis. Der Laienkriminologe entdeckt Geständnisse überall - in der Rede des Patienten, in seinem Schweigen, in neurotischen Symptomhandlungen, im Verschreiben und Versprechen, in Witzen und - in der Literatur. Die Tragödie wird als unbewusstes Geständnis und der Beifall als Zeichen der Absolution gedeutet. Das Geständnis wird von ihm interpretiert als eine abgeschwächte Wiederholung der Tat. Dieser Geständniszwang speist sich für Reik aus der Verdrängung und der Wiederkehr des Verdrängten, aber auch aus einem Strafbedürfnis, wobei die Unterscheidung zwischen fantasierter und realer Tat am Rande bleibt.

Freud konzediert in einem Brief zwar, dass Reik mit seinem Buch "etwas besonders Gutes geschaffen" habe, meldet aber auch Zweifel an: "Anfangs schien es mir, dass Sie aus den Beispielen von Selbstverrat durch Versprechen allzuleicht den Schluss ziehen, sie bedeuten ein Geständnis nicht nur als Effekt, sondern auch als Absicht . . . Aber die weitere Ausführung macht Ihre These immer plausibler und der Versuch, den Anteil des Ueberichs an jeder Neurose nachzuweisen, scheint mir ebenso legitim wie fruchtbringend" (Brief vom 13. Jan. 1925). Keine grundlegende Kritik also, keine Distanzierung oder Warnung. Schließlich hatte Freud selbst den ersten Schritt hin zur Kriminologie gemacht, worauf ich gleich eingehen werde. Doch Reik geht hier und in seiner späteren Studie von 1932 (Der unbekannte Mörder: Von der Tat zum Täter) nicht nur ein ganzes Stück weiter, sondern entwickelt eine neue Begrifflichkeit, hinter der sich eine vorsichtige Umschreibung der Psychoanalyse verbirgt. An die Stelle der von Freud so geschätzten Bilder der Archäologie tritt eine Übersetzung in kriminologische Terminologie (aus "Traumarbeit" wird "Geständnisarbeit") und ein sozialpolitisches Bildfeld, mit dem Landesverweiser und Asylsuchende auftauchen. Das Verdrängte erscheint in der Rolle eines ausgewiesenen Verbrechers, der, geplagt von Heimweh, ins verbotene Vaterland zurückwill und im Psychoanalytiker den juristischen Vertreter seiner Sache zu finden glaubt. Doch das ist keineswegs sicher, viel eher ist der Reiksche Analytiker auf der Seite des Staates zu finden, der die Tarnungen des Delinquenten durchschaut und sich mit einer rigiden Sozialpolitik vor dessen Wiederkehr schützt. Reik beruft sich bei seinen Szenarien auch auf Freud, an dessen Insistieren gegen alle Diskretion er sich erinnert: "Wenn wir annehmen, daß die Wiener Polizei einige bestimmte Viertel und Straßenzüge der Stadt nicht betreten dürfte, glauben Sie, daß man dann die Sicherheit Wiens besonders hoch veranschlagen könnte?"

Mit dem "Geständniszwang" wird nicht nur das Vorurteil, dass die Psychoanalyse bereits wisse, was sie mit Unvoreingenommenheit zu erforschen vorgibt, verstärkt, vor allem ist es Reiks Anbiederung an die Kriminologie, die den heutigen Leser verstört. Seine Versicherung, dass Psychoanalyse imstande sei, Geständnisse zu beschleunigen, seine Definition des Psychoanalytikers als Besitzer eines Lügendetektors des Unbewussten ruft kräftiges Befremden hervor. Aber es war Freud selbst, der 1906 mit seinem Vortrag Tatbestanddiagnostik und Psychoanalyse dieses Feld betreten hatte, das in den späten Zwanzigern auch von Psychoanalytikern wie Fritz Wittels oder Franz Alexander bestellt wurde.

Hinter der Selbstverständlichkeit, mit der Freud selbst sich auf die Seite der Kriminalistik stellt, verbirgt sich die Traditionslinie einer unheimlichen Psychoanalyse aus dem Geist des Mesmerismus und der Hypnose. Mit der Verwandlung des dämonischen Hypnotiseurs in einen Agenten der Gesellschaft wird ein paradigmatischer Seitenwechsel postuliert. Der Scharlatan und Verführer hat sich in einen Detektiv verwandelt, der, unsichtbar für diesen, hinter dem Angeklagten sitzt und ihn zu entlarven vermag.

Nicht der Psychoanalytiker Otto Gross, sondern sein Vater, der Kriminologe Hans Gross, in dessen Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik Freuds Aufsatz über die "Tatbestanddiagnostik" erscheint, wird nun als Kollege anerkannt. Hans Gross, der seit 1905 den Lehrstuhl für Kriminalistik in Graz besetzte, hatte die moderne Kriminologie zur selbstständigen Wissenschaft gemacht und 1912 das erste kriminalistische Universitätsinstitut ins Leben gerufen. 1893 war sein Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw. erschienen, ein Standardwerk, dessen aktualisierte zweibändige Auflage noch heute in Gebrauch ist. Dort werden auch Psychologie und Psychopathographie zu Hilfswissenschaften der Kriminalistik erhoben, und Reik verweist auf ihn als den "so bedeutenden Fachmann". Otto Gross, 1913 von seinem Vater in die Psychiatrie zwangseingewiesen, hatte dagegen immer wieder die Grenze zum Verbrechen überschritten. Er hatte seinen Patienten Ehebruch, Drogen und Raubüberfall empfohlen - ihm bleibt bis heute der Platz im Schulgebäude der Psychoanalyse verwehrt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 11. 2001)

Von Michael Rohrwasser

Michael Rohrwasser ist Professor für deutsche Philologie an der FU Berlin.
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