Dekorative Schmarotzer

25. November 2001, 20:35
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Heilpflanze oder Baumkiller: Die Mistel scheidet die Geister

Asterix-Kenner wissen: Für einen guten Zaubertrank brauchen Druiden Mistelzweige, und zwar solche, die mit einer goldenen Sichel geschnitten wurden. Leute, denen die magischen Kräfte egal sind, "ernten" Misteln vor allem im Dezember, weil die gelbgrünen Zweige ein dekorativer Weihnachtsschmuck sind. Außerdem hat sich der angelsächsische Brauch, unter einem Mistelzweig ein Mädchen zu küssen und sich so ein Jahr voll Glück zu sichern, bei uns eingebürgert.

Ob Aberglaube oder nicht: Schon Kelten, Griechen und Römer waren überzeugt, mit einem "heiligen" Mistelzweig an der Hausmauer böse Geister, Blitz und Feuer abwehren zu können. Im Mittelalter setzte man die Mistel als Medizin gegen Geschwüre und Vergiftungen ein. Pfarrer Kneipp wandte sie gegen Frauenleiden und Kreislaufstörungen an. Und heute wird Tee aus Mistelblättern und -zweigen zur Blutdrucksenkung und Gefäßerweiterung verabreicht. Auch in der Krebsforschung kommen Wirkstoffe der Mistel zum Einsatz.

Neben Lob von Homöopathen und Esoterikern schlägt der Mistel aber auch Kritik von Land- und Forstwirten entgegen: Der Halbparasit ("halb", weil die Mistel über ihre immer grünen Blätter selbst Photosynthese betreibt) entzieht seiner Wirtspflanze Wasser und Nährstoffe. Bei nachhaltigem Befall kann das sogar zum Absterben des Baumes führen.

Andererseits leben viele Bäume trotz des Schmarotzers jahrzehntelang. Christian Tomiczek vom Institut für Forstschutz erklärt, warum das Abschneiden von Misteln "eher sinnlos" ist: "Die Wurzeln reichen bis zu zwei Meter tief in den Baum hinein, so dass man viel gesundes Holz wegschneiden müsste."

Alle Alternativen sind aufwendig. Eine besteht darin, über die Schnittstelle schwarzes Plastik zu stülpen und so den Mistelwurzeln Licht zu entziehen. Dann sterben sie nach einiger Zeit ab. "Wer viel Geduld hat, kann die Misteln mit einer Stange immer wieder herunterstoßen", nennt Tomiczek eine andere Methode, "auch dadurch wird langfristig der Wurzelansatz zerstört." Doch für solche Sisyphusarbeiten will heute kaum noch jemand Geld aufwenden - folglich steigt der heimische Mistelbestand stetig an.

Misteln wachsen ungeachtet des Lichteinfalls langsam und gleichmäßig in alle Richtungen: Pflanzen mit 50 cm Durchmesser sind rund 30 Jahre alt. Beliebte Wirte der Weißen oder Laubholzmistel sind Pappeln, Linden und Apfelbäume, für die Nadelholz-mistel Tannen und Kiefern. Viele weitere Arten wachsen in den Tropen; mit Mispeln (Obstgehölzen) sind Misteln nicht verwandt. Die weiblichen Pflanzen tragen giftige weiße oder gelbe Beeren, die Vögel anlocken. Beim Fressen bleibt klebriges Fruchtfleisch auf dem Schnabel zurück, den der Vogel an Zweigen abwetzt - und so die Samen überträgt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 11. 2001)

Von Marie-Therese Gudenus
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