Déjà vu in Kabul

25. November 2001, 20:14
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Afghanistan Ende der Achtziger: STANDARD-Redakteur Erhard Stackl berichtete vom Abzug der Sowjets und der Zeit danach

Mit einem Donnern detonierte eine Bombe in der Nähe des Hotels, in dem die ausländischen Journalisten untergebracht waren. Statt Deckung zu suchen, sprangen die Medienleute auf, dass die Importbierdosen auf den Tischen wackelten, und stürzten hinaus. Auf der Straße, halb über die Kaimauer des Kabul-Flusses hängend, lag das Wrack eines Lastwagens, in dem der Sprengkörper explodiert war. Bei dem Anschlag seien sechs Menschen getötet worden, sagte nachher Polizeichef Seitullah. "Diesen traurigen Akt haben Feinde des Friedens und der Versöhnung provoziert."

Man schrieb den 27. April 1988, und der Reporterschar war aus einem seltsamen Grund die Einreise erlaubt worden: Die herrschenden Kommunisten der "Demokratischen Volkspartei Afghanistans" feierten, mehr trotzig als überzeugt, den 10. Jahrestag ihrer Revolution.

Schon seit 1979 hatte sich die KP gegen muslimische Aufständische nur mit Unterstützung der Sowjetarmee halten können. Nach neun Jahren aussichtslosem Kampf und mehr als einer Million Toten beschloss Michail Gorbatschow den Ausstieg. Zwei Wochen vor dem Revolutionsjubiläum hatte er in Genf nach langwierigen Verhandlungen mit den USA, Afghanistan und Pakistan ein Abkommen über den Truppenrückzug unterzeichnet. Kein Wunder, dass Präsident Najibullah von Journalisten hämisch auf Übersiedlungspläne nach Moskau angesprochen wurde. Doch Najibullah, ein beleibter Mann im zu engen Anzug, sprach von "nationaler Versöhnung" und davon, dass er mit den "realistischen Elementen" der Opposition eine Koalitionsregierung auf breiter Basis bilden wolle.

Jetzt sind aus Kabul wieder Absichtserklärungen über die Bildung einer Regierung unter Teilnahme aller Bevölkerungsgruppen zu hören. Damals waren sie nur der Auftakt zu einer neuen Runde entsetzlichen Blutvergießens.

1988 starrte Kabul vor Waffen. Vom Flughafen starteten Militärmaschinen im Minutentakt. Über der von Bergen umgebenen Stadt kreiste ständig ein Propellerflugzeug, aus dem in kurzen Abständen Signalmunition abgeschossen wurde - zur Ablenkung von Stinger-Raketen, von denen die USA Hunderte an die Mudjahedin-Rebellen geliefert hatten.

In den Straßen Kabuls stachen die wenigen westlich gekleideten Afghanen aus der Menge hervor. Die meisten Frauen trugen die Burka, den Ganzkörperschleier, wenn auch in schreienden Farben wie Giftgrün und Rot. Später, bei der Militärparade, zog dann sogar ein unverschleiertes Frauenbataillon, Kalaschnikows tragend, an Najibullah vorbei. Neben ihm salutierten seine schnurrbärtigen Generäle, unter ihnen wohl auch der Usbeke Rashid Dostum, damals Kommandant einer Elitetruppe. Nun gilt er als einer der "Befreier" Afghanistans.

Auf den Landstraßen vor Kabul rollten lange sowjetische Panzer- und Lkw-Kolonnen Richtung Heimat. In der Stadt war kaum ein Russe zu sehen. Nur in der Chicken Street, wo sich früher Hippies aus aller Welt mit Felljacken und Stoff versorgt hatten, lehnten einige Sowjets in Khakiuniformen an ihrem Lastwagen. Im Basar bekam man als Europäer den Hass der Einheimischen zu spüren. "Schurawi" ("Sowjet"), zischten sie und spuckten aus.

Wenige Monate später, Februar 1989, hielten die Anführer von sieben großen Mudjahedingruppen im pakistanischen Islamabad, eine "Schura" ab, die große Ratsversammlung. Hunderte Turbanträger stritten in einem islamischen Pilgerzentrum um die Verteilung der Macht nach dem Sturz der Kommunisten. Gnädig ließ der Vorsitzende Rasul Sayyaf, ein wuchtiger Islam-Gelehrter mit Prophetenbart, die wartenden Journalisten in die Halle. "Die Befreiung Afghanistans wird, inshallah, der Beginn der Befreiung aller Unterdrückten sein", sagte Sayyaf, ein Paschtune, von dem bekannt war, dass er beste Beziehungen zu Saudi-Arabien hatte. Doch erst jetzt enthüllte ein damaliger CIA-Agent, wer Sayyafs Verbindungsmann zu arabischen Finanziers und Freiwilligen war: Osama Bin Laden.

An Sayyafs Seite saß ein weiterer paschtunischer Fundamentalist: Gulbuddin Hekmatyar, Chef der größten Mudjahedingruppe. Während Sayyaf davon sprach, dass "Moskaus Marionettenregime" in Kabul bald hinweggefegt und ein islamischer Staat entstehen werde, verließen die Anführer prowestlicher Widerstandsgruppen die Versammlung. Auch starken, im Norden Afghanistans gebliebenen Kommandanten wie Ahmed Shah Massud wollten die Islamisten in der Regierung keinen Platz einräumen.

Doch es kam ganz anders: Najibullah wurde erst 1992 gestürzt. Sayyaf schlug sich auf die Seite der Tadschiken Massud und Burhanuddin Rabbani, der in Kabul Präsident wurde. Hekmatyar verbündete sich mit dem abgesprungenen Kommunisten Dostum im Kampf gegen Rabbani. Sie ließen Kabul mit Artillerie beschießen; es gab Tausende Tote. 1996 griffen die in den Flüchtlingslagern groß gewordenen, puritanischen Taliban, vom mörderischen Treiben der Mudjahedin angewidert, nach der Macht und hielten sie fünf Jahre lang.

Vor wenigen Tagen marschierten, nachdem ihnen die USA den Weg freigebombt hatten, Rabbani und Sayyaf wieder in Kabul ein. Und auch Gulbuddin Hekmatyar, zuletzt im iranischen Exil, soll bereits wieder im südlichen Afghanistan unterwegs sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 11. 2001)

Afghanistan Ende der Achtziger: Standard-Redakteur Erhard Stackl berichtete für profil vom Abzug der Sowjets und im Jahr darauf von der Bildung einer Regierung der muslimischen Rebellen. Die Ereignisse der vergangenen Tage erinnerten ihn stark daran.

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